Krieg in Israel – Tag III

24. Tishrei 5784

Moshe Zimmermann, nicht ganz unumstrittener Historiker aus Tel Aviv, war gestern Abend im ARD-Brennpunkt zugeschaltet. Er sieht einen Grund für das Nicht-Vorbereitetsein der IDF auf den Angriff der Hamas darin, dass ein grosser Teil der Truppen aus dem Süden nach Judäa und Samaria verlegt worden sei. Die Sicherheit der Siedler, so seine Meinung, sei der Regierung wichtiger gewesen als die Sicherheit der Menschen rund um den Gazastreifen. Harte Worte, krasse Vorwürfe. Die Hamas habe genügend Zeit gehabt, wohl auch mit Hilfe des Iran, sich sehr gut vorzubereiten und sie hätten diese Zeit auch sehr gut genutzt um «eine sehr schwache Gegenwehr zu überrumpeln.» Vorwürfe, die diskutiert werden müssen. Zimmermann sieht in diesem Krieg der Hamas gegen Israel ein Pogrom, etwas, das die Zionisten – zu denen er sich selbst nicht zählt – nicht erwartet hätten. Der Schock über diesem Angriff sitzt sehr tief und rechtfertigt, so seine Meinung, einen sehr harten Gegenschlag. Ein Teil der rechtsextremen Regierung legt keinen Wert auf das Wohlergehen der Menschen in der Nähe des Gazastreifens. Das ist nicht meine Meinung, sondern die des Historikers im Gespräch mit der ARD. 

Wie in Times of Israel zu lesen ist, habe der ägyptische Geheimdienst Israel mehrfach gewarnt, dass «die Hamas etwas Grosses plane.» Ägypten hat während der vorherigen Kriege zwischen Israel und der Hamas immer wieder als Mediator für mehr oder weniger erfolgreiche Waffenstillstandsabkommen fungiert. Ein ranghoher Ägypter beklagte, dass die israelische Regierung ihr Augenmerk auf Judäa und Samaria gelegt und Gaza aus dem Blick verloren habe. «Wir haben sie gewarnt, dass eine Explosion der Situation bevorsteht, und zwar sehr bald, und dass sie sehr gross sein würde. Aber sie haben diese Warnungen unterschätzt.»

Ya’akov Amidror, ein ehemaliger nationaler Sicherheitsberater des PM, musste zugeben: «Dies ist ein grosser Fehlschlag. Diese Operation beweist eigentlich, dass die geheimdienstlichen Fähigkeiten in Gaza nicht gut waren. Wir müssen die Lehren ziehen, wenn der Staub sich gelegt hat.»

Mehr und mehr wird deutlich, dass der wichtigste Grund für den Angriff der Hamas auf Israel darin liegt, die gerade zaghaft begonnenen Annäherungen zwischen Saudi-Arabien und Israel zu torpedieren. Dass diese Annäherung nicht zustande kommt, das liegt sowohl im Interesse der Hamas, aber auch des Iran. Die IDF lehnt bisher noch jede Verbindung zwischen dem Angriff der Hamas und dem Iran ab.

Verantwortlich gemacht wird auch die Welle der Gewalt in Judäa und Samaria, aber auch das Chaos in der Regierung selbst. Dieses Chaos hat die Gesellschaft und auch die Sicherheitskräfte gespalten und geschwächt.

Klar ist, die Terrororganisation Hamas hat Israel seit Monaten an der Nase herumgeführt. Durch die relative Ruhe gaukelten sie vor, an einer «neuen Runde der Auseinandersetzungen» kein Interesse zu haben. Hinter dieser Maske der scheinbaren Ruhe haben sie genau geplant, wie sie bei diesem Angriff vorgehen würden. Nichts, aber auch gar nichts wurde dem Zufall überlassen. Sogar die Verhandlungen über weitere Arbeitsbewilligungen wurden von Israel willig aufgenommen, nota bene: Von der Regierung Netanyahu und nicht, wie diese so gerne ausruft, von «den Linken der Vorgängerregierung». Israel hat sich wie ein diplomatischer Neuling benommen und ist in die Falle hineingetappt. Hamas hat alle internen Vorfälle in Israel beobachtet, ausgewertet und es verstanden, sie für sich zu nutzen. Ein Hamas-Terrorist betonte stolz gegenüber Reuters: «Fünf Stunden vergingen, bevor sie zurückschossen! Wir standen mit 1.000 Kämpfern bereit und durchbrachen den Zaun an 15 Stellen! Wir waren wirklich schockiert, dass uns die IDF nicht erwartete. Dann brachten wir eine Familie mit einem zwei-Stunden-Marsch nach Gaza zurück. Niemand hat uns daran gehindert. Ermuntert durch die Demonstrationen haben wir unsere Pläne vorangetrieben. Die Unruhen am Grenzzaun waren nur ein Ablenkungsmanöver. Die Operation hat alle unsere Erwartungen übertroffen.» Das zum Thema Geheimdienste in Israel und ihre Fähigkeiten….

Die Zahlen, die heute am frühen Vormittag veröffentlicht wurden, sind erneut gestiegen. 700 Ermordete und mehr als 2.000 Verletzte, sowie 130 nach Gaza verschleppte Israelis. Ob in dieser Zahl die 260 allein nach dem Musik-Festival Massakrierten enthalten sind, ist noch unklar.

In den frühen Morgenstunden drangen durch einen bisher nicht entdeckten Tunnel in der Nähe von Kfar Aza, unmittelbar am Gazastreifen, einige Dutzend Terroristen nach Israel ein. Die meisten von ihnen wurden neutralisiert.

In der Polizeistation von Sderot kam es zu einer neuen Geiselnahme, die Bewohner wurden aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen. Nach relativ kurzer Zeit konnte die Lage, sowohl hier als auch im Kibbutz Be’eri und in Ofakim entspannt werden. Zwei Israelis wurden bei den dabei entstandenen Feuergefechten irrtümlich für Angehörige der Hamas gehalten und unter Beschuss genommen. Einer der beiden wurde verletzt, ein zweiter verstarb leider noch vor Ort.

Vor wenigen Minuten, gegen 11:00 meldete die IDF, dass sie die Kontrolle über alle Orte in der Nähe des Gazastreifens zurückerobert habe. Sie räumte aber gleichzeitig ein, dass es möglicherweise immer noch Terroristen in der Region gebe. Zur gleichen Zeit drang eine Drohne in den Luftraum des Kibbutz Gvaram, zwischen Ashkelon und Gaza, ein. Sie wurde abgeschossen.

Nachdem erste Meldungen bekannt wurden, dass die Ausstattung der bisher eingezogenen 300.00 Reservisten teilweise nur sehr schleppend voranging, begannen die Israelis damit, das zu tun, was sie am liebsten tun: Sammeln und Helfen. Leider nutzen aber Duschgels, Zahnpaste und Handtücher nichts, wenn es um so essenzielle Dinge wie Keramikplatten für die schusssicheren Westen geht! Der oberste Militärsprecher, Konteradmiral Daniel Hagari betonte: «Es gibt keinen Mangel an Ausrüstung in der IDF. Es braucht Zeit, einige der Ausrüstungen zu verteilen, aber es gibt keinen Mangel.» Bei den Militärausstattern gab es Engpässe, Keramikplatten waren ausverkauft, sie sollen bis heute Abend wieder am Lager sein. Prima und bis dahin müssen sich unsere Jungs ohne echten Schutz im Kampfgebiet bewegen. Stattdessen wurden teils überlagerte und nicht entsprechend ausgestattete Westen abgegeben. Das entspricht nicht dem Minimalstandard eines Soldaten im Kampf und ist ein grob leichtsinniger Umgang mit den kämpfenden Truppen! Flammenhemmende Handschuhe für die Panzerbesatzungen versucht man mittlerweile von aus dem Dienst entlassenen Soldaten zu erhalten, nachdem diese nicht in Israel erhältlich sind. 

Im Januar 2019 erklärte Premierminister Benjamin Netanjahu bei einem Überraschungsbesuch in einem Waffendepot auf dem Stützpunkt Sirkin in Zentralisrael, das Militär sei «bereit für den Tag, an dem der Befehl gegeben wird, und bereit, einen „vernichtenden Angriff“ zu führen.» Tatsache ist, so Generalmajor Brick, dem damaligen Leiter der Beschwerdestelle im Verteidigungsministerium, dass «die Versorgungssituation in Israel schlimmer als zur Zeit des Yom-Kippur-Krieges ist.»

Am Mittag werden wieder die neuen Zahlen bekanntgegeben. Es gibt 2.506 Verletzte, 578 von ihnen befinden sich zur stationären Behandlung in Krankenhäusern, 157 sind schwer verletzt, 259 erlitten mittelschwere und 161 leichte Verwundungen. Die Zahl der Toten wurde auf 800 korrigiert.

Auf der Seite der Hamas gab es 560 Tote, sowie etwa 2.300 Verwundete. Wie viele der Toten Terroristen und wie viele unschuldige Zivilisten sind, ist noch offen. 

Der berührende Moment des Tages mitten im Krieg. Elinor Yosefin und Uri Mintzer kamen gestern Abend nach ihrem Urlaub in Thailand nach Israel zurück. Sie haben ihn abbrechen müssen, weil beide, sie sind Reservisten, ihren Einberufungsbefehl erhalten hatten. Und so beschlossen sie, noch vor dem Einrücken zu heiraten. Die Hochzeit wurde von Rabbi David Stav in Anwesenheit der Eltern und zehn Freunden spontan organisiert und durchgeführt. Uri betonte: «Ich habe mir diesen Augenblick hunderte Male vorgestellt, aber nicht so, nicht in dieser Art. Ich hoffe, wir können unsere Hochzeit, unser Fest, so nachholen, wie wir es uns vorstellen.» Mazal tov and stay safe!

Verteidigungsminister Yoav Gallant hielt heute im Süden des Landes eine Sicherheitsbesprechung ab. Dabei hielt er fest: «Ich habe den Befehl gegeben – Gaza wird jetzt völlig abgeriegelt. Es werden kein Strom, keine Lebensmittel und keine Treibstoffe mehr nach Gaza geliefert. Wir kämpfen gegen barbarische Terroristen und wir werden uns entsprechend verhalten.» Das Ausland wird Israel wegen dieser drastischen Vorgangsweise heftig und lautstark kritisieren. Für den Moment und erstmals ist der Gazastreifen faktisch abgeriegelt, ein Zustand, den man Israel schon seit Jahren vorwirft und der nie gestimmt hat. Während sämtlicher Kriege war immer die Minimalversorgung der Menschen im Gazastreifen sichergestellt. Sperrungen des Warenübergangs Kerem Shalom wurden ausschliesslich bei anhaltendem Beschuss und unmittelbarer Gefährdung der dort arbeitenden Menschen auf beiden Seiten der Grenze angeordnet. 

Aus Sicherheitsgründen wurde die Förderung am Tamar Gasfeld im Süden des Landes, 15 km vor Ashdod, eingestellt. Das Betreiberunternehmen Chevron bestätigte, vom Energieministerium die Aufforderung erhalten zu haben, die Anlage herunterzufahren.  Das grössere Gasfeld, Leviathan, wird bisher noch weiterbetrieben. 

Österreich hat als erstes europäisches Land beschlossen, ab sofort jede finanzielle Hilfe für die Palästinenser einzustellen. «Wir werden alle Zahlungen der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit vorerst auf Eis legen. Das Ausmass des Terrors ist so entsetzlich. Das ist ein derartiger Bruch, dass man nicht zur Tagesordnung übergehen kann«, sagte Aussenminister Alexander Schallenberg. Österreich werde daher alle Projekte mit den palästinensischen Gebieten »auf den Prüfstand stellen und evaluieren«. Über weitere Schritte werde mit den internationalen Partnern beraten. Es handelt sich bei den Fördergeldern um etwa € 19 Millionen. 

Empört zeigte sich der palästinensische Gesandte in Wien, Salah Abdel Shafi: «Dieser Schritt bedeutet eine kollektive Bestrafung für die palästinensische Bevölkerung und unterstützt Israels aggressive Politik gegen die palästinensische Zivilbevölkerung. Wir hoffen, dass die österreichische Bundesregierung diesen Beschluss revidiert, denn die internationale Entwicklungszusammenarbeit ist eine wichtige Säule der Stabilität in dieser Region.“

Zögerlicher, aber nicht unerwartet reagierte die deutsche Ministerin für Entwicklungshilfe, Svenja Schulze: «Wir werden nach dem Grossangriff der Hamas unser gesamtes Engagement für die palästinensischen Gebiete auf den Prüfstand stellen. Wir wollen das geordnet, abgestimmt mit unseren Partnern tun. Wir wollen das mit Israel besprechen, wie unsere Entwicklungsprojekte dem Frieden in der Region und der Sicherheit Israels am besten dienen können. Das ist auch ein Ausdruck unserer unverbrüchlichen Solidarität mit Israel.»

Die EU hat ihre Zahlungen in Höhe von € 691 Millionen bis auf Weiteres eingefroren. Alle Projekte werden neu überdacht und die Verabschiedung des neuen Budgets wird ebenfalls verschoben. Das schrieb der EU-Kommissar Oliver Varhelyi.

Zwei Granaten wurden aus dem Libanon auf Israel geschossen und lösten im Oberen Galiläa den Alarm aus. Einige bewaffnete Terroristen brachen durch den Grenzzaun und wurden von der IDF neutralisiert. Die Hisbollah lehnte jede Verantwortung an den Vorkommnissen ab. Die Bewohner von Kiryat Shmona im Norden des Landes wurden aufgefordert, die Schutzräume aufzusuchen, bis die Sicherheitslage geklärt sei. Kampfhubschrauber fliegen derzeit Angriffe auf Stellungen der Hisbollah im südlichen Libanon. 

Bei einer grossangelegten Angriffswelle wurden Dutzenden «Terrorzellen» in Gaza, darunter eine Moschee, in der eine Abschussrampe installiert war, zerstört.

Gegen 17 Uhr wurde die Siedlung Beitar Illit in Judäa unmittelbar neben Jerusalem von einer Rakete getroffen. Bisher wurde nur bekanntgegeben, dass es Verletzte gab, genauere Angaben fehlen. Auch Bethlehem geriet unter Beschuss, es gab aber keine Verletzten

Anshel Pfeffer, der Biograph von  Netanyahu, und Kolumnist im Haaretz schreibt im Stern«Bibis Versagen – warum der Hamas Angriff zum politischen Ende von Benjamin Netanyahu führen dürfte» Er sei ein Meister des politischen Überlebens. 2008, damals noch Oppositionsführer, versprach er: «Wir werden das Terrorregime der Hamas stürzen!» und wurde prompt zwei Monate später zum PM gewählt. Seither hat er Gaza vernachlässigt. Es gab immer wieder Kampfrunden zwischen Israel und den Terroristen aus dem Gazastreifen. Doch, so Peffer, sobald es einen Waffenstillstand gab, kümmerte sich der PM wieder um andere, ihm mehr am Herzen liegende Dinge. Pfeffer analysiert auch das Verhältnis zwischen dem erzkonservativen Vater Benzion und dem Sohn Benjamin. So wie sein Vater einen Platz in den Geschichtsbüchern fand, will auch er seinen Platz finden. Sich endlich gegen den Vater behaupten. Das wird ihm auch gelingen! Er wird der PM sein, unter dessen Amtszeit die grösste Zahl von zivilen Opfern seit dem Unabhängigkeitskrieg zu beklagen ist. Vielleicht werden es sogar noch mehr.

Man nannte Netanyahu Mr. Economy und Mr. Security, möglicherweise waren beide Titel unverdient. Diesen, der ihm das politische Genick über kurz oder lang brechen wird, hat er sich durch sein Wegschauen und Ignorieren erworben, «Mr. Failure». Die Familien der Opfer, die bisher noch nichts von den Politikern gehört haben und die sich in dieser schlimmen Situation völlig alleingelassen fühlen, werden dafür sorgen, dass sie beim kommenden Wahlkampf eine starke Lobby gegen ihn darstellen werden. 



Kategorien:Israel, Politik

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