Krieg in Israel – Tag IV

25.Tishrei 5784

Im Brennpunkt der ARD von gestern wurde Khaled Qadomi, ein Sprecher der Hamas mit Sitz im Iran interviewt (ab Minute 8:02). Der militärische Arm der Hamas Terrororganisation erhält monatlich Millionen von US$ und, und das ist genauso wichtig, Know How, vermittelt durch die iranischen Revolutionsgarden. Qadomi beantwortet die Frage, wie die Waffen in den Gazastreifen kommen. Kampfschwimmer, die problemlos lange Strecken bewältigen können, würden sich unter den «Feind» mischen und mit Material zurückkommen. Gestohlen von der IDF? Es klingt danach. Immer wieder wurden Waffen und Munition aus israelischen Militärbasen gestohlen … In Gaza werden sie dann zusammengebaut, Waffen made in Gaza, eingesetzt, um Israel zu bekämpfen… Beim Zusammenbau und bei der anschliessenden Schulung sind ebenfalls Iraner beteiligt. Qadomi spricht auch von Tunnel- und Kommunikationssystemen, die im Laufe der letzten Jahre deutlich verbessert worden seien. Offiziell streitet der Iran jede Beteiligung am Angriff auf Israel ab. Die Bilder aus Teheran aber zeigen ein anderes Bild. Die Häuser sind mit Riesenpostern verhängt, auf denen zu lesen steht, dass die Befreiung Palästinas begonnen habe. 

Ali Barakeh, in Beirut im Exil lebender Hamas-Führer sagte in einem Interview mit der Associated Press, dass nur eine ganz kleine Gruppe über den genauen Beginn des Überfalles auf Israel informiert gewesen sei. «Wir haben uns ein Ziel gesetzt, aber wird waren überrascht, wie schnell die IDF zusammengebrochen ist. Sie ist nichts als ein Papiertiger!» Der Iran und die Hisbollah seien an den Vorbereitungen nicht beteiligt gewesen, würden aber möglicherweise in den Kampf eintreten. In israelischen Kreisen geht man nach wie vor davon aus, dass es der Iran war, der die Hamas zu diesem Überfall gebracht hat und auch die Hisbollah aufgefordert hat, jederzeit zur Beteiligung an diesem Krieg bereit zu sein. Barakeh leugnete jeden Zusammenhang mit dem Angriff und den Verhandlungen zwischen Israel und Saudi-Arabien ab. «Sie sind nur die Reaktion auf die Aktionen dieser extremen Regierung, wie die vermehrten Besuche auf dem Tempelberg und der verstärkte Druck auf die Palästinenser in den israelischen Gefängnissen. Wir sind auf einen langen Kampf eingestellt, unser Waffenarsenal reicht für Wochen.» 

Prof. Michael Wolffsohn, von 1981 bis 2012 Historiker an der Militär-Universität des Bundes in München, beschreibt in einem Interview mit SWR1 ein bedrückendes Szenario: «Ein US-amerikanischer Flugzeugträger mit Begleitschiffen ist auf dem Weg ins östliche Mittelmeer.  Solche Schiffe haben bekanntlich viele Kampfflugzeuge an Bord. Das heisst, man bereitet sich auf einen grösseren Fall vor. Ob es dazu kommen wird, das ist offen. Und der grössere Fall heisst ganz klar eine militärische Konfrontation mit dem Iran.» Er fährt fort: «Das israelische Militär hat es bis heute noch nicht geschafft, die palästinensischen Terroristen aus dem eigenen Land zu vertreiben, geschweige denn die Gegenoffensive beginnen zu können. Und das heisst ganz eindeutig, das israelische Militär ist in einer schlechten Verfassung. Wenn man also jetzt den Drahtzieher dieses Überfalls zur Rechenschaft ziehen will, sprich, den Iran, dann braucht Israel militärische Hilfe, und die kann nur aus den USA kommen.» Das sind erschreckende Vorstellungen!

Der Menschenrechtsrat der UNO hat sich gestern Nachmittag auf Antrag von Pakistan zu einer Schweigeminute erhoben, um «die tiefe Besorgnis über den Verlust von unschuldigen Menschenleben im besetzten palästinensischen Gebiet und anderswo zum Ausdruck zu bringen.» Er fuhr fort, dass dies die Folge von sieben Jahrzehnten illegaler Besetzung sowie die Verletzung internationalen Rechts sei. 

Die israelischen Opfer der Hamas erwähnte der Pakistani mit keinem Wort. Keiner der Vertreter, inklusive der europäischen Staaten, verweigerte diese unglaubliche, tatsachenverdrehende und unmenschliche Scharade!

Am Vormittag wurde auf Antrag der USA eine Schweigeminute für die israelischen Opfer des Hamas-Terrors der vergangenen Tage und der Opfer des Erdbebens in Afghanistan abgehalten.

In einigen Supermärkten in Israel werden staatlich subventionierte Produkte nur noch eingeschränkt abgegeben: Zwei Sechserpack Wasser mit je 1 ½ Lt. Inhalt, zwei 12-er Eierkartons, drei Tetrapack mit je 1 Lt.  Milch und zwei ½ kg Brotlaibe sind pro Einkauf gestattet. Aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage nach diesen Grundnahrungsmitteln kommt es zu Engpässen, die man versucht, so schnell wie möglich aufzufüllen. Das Innenministerium bemüht sich, die besorgten Menschen zu beruhigen, es gebe keine Engpässe, weder in der Produktion noch in der Verteilung der Lebensmittel und forderte dazu auf, Hamsterkäufe zu unterlassen.

Hunderte von Reservisten, die sich in Europa aufhielten, wurden in der Nacht von gestern auf heute mit einer grossangelegten Rückholaktion nach Israel zurückgeflogen. Grosse Transportmaschinen wurden in einer von der IDF und dem Aussenministerium organisierten Aktion zu europäischen Flughäfen überstellt, um von dort wieder nach Tel Aviv zurückzufliegen. 

Die Verabschiedungszeremonie für die in den Ruhestand tretende Präsidentin Esther Hayut, die am kommenden Montag in stark verkleinerter Form hätte stattfinden sollen, wurde nun ganz abgesagt. Die Zeremonie war bereits deutlich verschlankt worden, nachdem Hayut sich eine Rede von JM Levin und anderer Politiker verbeten hatte. Sie hatte befürchtet, dass die den Auftritt zu unpassenden politischen Statements missbrauchen würden.

Nachdem die IDF heute die Grenze zu Gaza wieder vollständig hat reparieren können, wurde die Zahl der aufgefundenen Toten Hamas-Terroristen mit 1.500 bekanntgegeben. Zusammen mit den etwa 400 gefangenen bedeutet das, dass mehr als 2.000 Terroristen unter den Augen der IDF und der Geheimdienste ungehindert nach Israel haben eindringen können. Die Zahl der nach Israel eingedrungenen Terroristen wird von der Hamas bestätigt, ursprünglich hätte man nur mit 1.000 Terroristen agieren wollen. Nachdem die Schwäche der IDF aber erkennbar wurde, hätte man sofort reagiert. 

Nachdem die Kämpfe an der Nordgrenze Israels weitergehen, bereitet sich die Rambam – Klinik in Haifa darauf vor, jederzeit die Patienten in den gesicherten unterirdischen Klinikteil evakuieren zu können. Das «Sammy Ofer» Untergrundhospital verfügt über 2.000 Betten, sowie alle OP-Möglichkeiten auf drei Etagen. 

Ein kleines Wunder mitten im Krieg. Rachel und David, ein Ehepaar aus Ofakim, wurde 15 (!) Stunden von fünf bewaffneten Terroristen in ihrer Wohnung festgehalten. Die Terroristen kamen, um sie zu Märtyrern zu machen, wie sie ihnen sagten. Wie es Rachel gelang, die Nerven zu behalten, weiss sie heute nicht mehr. Sie bot ihnen Café und Kuchen an und konnte sie dadurch hinhalten. Ihre beiden Söhne sind bei der Polizei. Dieser Umstand hat ihnen wahrscheinlich das Leben gerettet. Sicherheitskräfte umstellten das Haus und bereiteten sich darauf vor, Granaten hineinzuwerfen, um die Terroristen auszuschalten. Einer der Polizisten wusste, dass die Eltern eines Kollegen sich noch im Haus befanden. Die Polizisten begannen mit Verhandlungen, während die Terroristen Wasser, Essen und Verbandszeug verlangten. Was dann begann, war der ein heftiger Feuerwechsel zwischen den Sicherheitskräften und den Terroristen. Doch am Ende gelang es, die beiden Geiseln zu befreien und die Terroristen festzunehmen. 

Die Opferzahlen von heute Nachmittag: Über 900 Tote und mehr als 2.800 Verwundete. Unter den Toten befinden sich mindestens 11 US-Amerikaner, so meldet das Weisse Haus. Mindestens 18 Thais und 7 Argentinier sind ebenfalls unter den Opfern. Unter den Entführungsopfern befinden sich auch zahlreiche Menschen mit einer Doppelstaatsbürgerschaft. Auch österreichische Doppelbürger, die sich im Süden Israel aufgehalten hatten, gelten als vermisst.

Unter den Toten sind 156 Soldaten und Polizisten

Die Hamas meldet 830 Tote und 4.250 Verletzte.

Seit etwa einer Stunde berichten deutsche Medien, dass es ein Lebenszeichen von der entführten Deutschen Shani Louk gebe. Sie soll, wie ihre Mutter in einer Videobotschaft, die sie der Tagesschau zuspielte, mit schweren Kopfverletzungen in einem Spital in Gaza behandelt werden. Die Mutter fordert die deutsche Regierung dringend auf, alles zu tun, um ihre Tochter aus dem Gazastreifen zu befreien. Zu verstehen ist der Aufruf an die Bundesregierung, leider wird er aber wirkungslos verhallen. Mit der Hamas kann man nicht über Gefangenenaustausch diskutieren.

Am späten Montagabend wurde eine Gruppe von 30 aus dem Kibbutz Ein Hashlosha gesund und sicher in ihrem Versteck gefunden. Die Gruppe, 16 Israelis und 14 Thais, waren am Samstag als vermisst gemeldet worden. Sie hatten sich innerhalb des Kibbutz versteckt. Warum sie sich nicht vorher gemeldet haben, lässt sich mit der ungeheuren Stresssituation erklären. Auch nach ihrer Befreiung zeigten sie noch deutliche Zeichen der überstandenen extremen Belastung.

Über die Massaker der Terroristen werden immer mehr Informationen bekannt. Nach der mit heftigen Gefechten einhergehenden Befreiung von Kfar Aza wurde das ganze Ausmass der Tragödie ersichtlich, die dieses Dorf getroffen hat. Babys, Mütter, Väter, ermordet in ihren Schlafzimmern und Schutzräumen. Es sind Hunderte. Es muss ein unvorstellbares Massaker gewesen sein. Dazu die vielen Leichen der Terroristen, die im Kampf mit der IDF umkamen. Kfar Aza war heute einer der ersten Orte, in dem die IDF ausländische Pressevertreter zugelassen hatte.

Durch Raketenbeschuss auf die kleine israelisch-arabische Doppelstadt Baqa ash-Sharqiyya in Samaria kam heute ein Palästinenser ums Leben, sechs weitere wurden verletzt. Die Stadt liegt im nördlichen Zentrum Israels in unmittelbarer Nähe der viel benutzten Hauptschnellstrasse Nr.6.

Nach dem seit dem Morgen fortgesetzten Beschuss durch die Hisbollah im Norden des Landes wurden die Bewohner der Grenzgebiete dringend aufgefordert, entweder zu Hause zu bleiben oder sich in die Schutzräume zu begeben. Diese Warnung gilt für das gesamte Gebiet des oberen Galiläas. Die IDF reagierte mit gezieltem Artilleriebeschuss auf die Stellungen der Hisbollah. Gestern Abend wurden bei einem Feuergefecht mit Terroristen, die auf israelisches Gebiet eindringen wollten, drei Mitglieder der IDF, darunter der drusische Kommandant Alim Abdualla, getötet. 

In Jerusalem wird zwischenzeitlich die Bildung einer Notstandsregierung diskutiert. Im Anschluss an das letzte Treffen, so war aus dem Likud zu hören, sei der derzeitige PM damit beauftragt worden, diese «schmale Einheitsregierung» voranzutreiben. In der Verlautbarung hiess es, alle Parteivorsitzenden stünden hinter dieser Entscheidung. Bisher war davon die Rede gewesen, dass die beiden rechts-extremen Politiker Ben-Gvir und Smotrich, die selbst eine terroristische Vergangenheit haben, an dieser Regierung nicht teilhaben sollen. Aus dem Büro von Ben-Gvir war zu vernehmen: «Wir wollen eine Einheitsregierung, auch mit dem Oppositionsabgeordneten und ehemaligen Verteidigungsminister Benny Gantz und dem Abgeordneten und ehemaligen IDF-Stabschef Gadi Eisenkot, obwohl auch sie für die Situation, in der wir uns befinden, verantwortlich sind.» In unglaublicher Selbstüberschätzung fügte Ben-Gvir hinzu: «Die Leute werden sagen, dass Eisenkot und Gantz Experten sind und Ben-Gvir nichts von Sicherheitsfragen versteht. Ben-Gvir hat vom Verteidigungsestablishment gehört, dass die Hamas keine Bedrohung ist, dass sie abgeschreckt ist – und Ben-Gvir ist der Einzige, der verstanden hat, was vor sich geht. Wenn sie auf Ben-Gvir gehört hätten, hätten wir vielleicht ein paar Menschenleben retten können.»

Immer noch setzen die Likud-Abgeordneten aus dem direkten Umfeld des PM auf Kadavergehorsam. «Nachdem wir den Krieg gewonnen haben, und wir werden ihn gewinnen, werden die Bürger von Israel wieder kennen, welch starker Führer er ist.» («Starke Führer» kennen wir doch aus der Vergangenheit, oder?) Netanyahu hat sich mittlerweile bereits vorbehalten, die alleinige Entscheidungsgewalt auch in der neuen, schlanken Regierung zu behalten, das ist es, was er unter einem vorbedingungslosen Eintritt in eine solche Regierung versteht. Die Arroganz dieses Mannes ist einfach unglaublich. Fehler wird er nie im Leben eingestehen! Geschweige denn, die Konsequenzen daraus ziehen.

In diesem Zusammenhang muss die Frage erlaubt sein, wo sich die wortgewaltigen Helden und Staatsmänner und -frauen des Kabinetts in den letzten vier Tagen versteckt haben. Normalerweise lassen sie keinen medienwirksamen Termin aus, wo sie mit ihrer Anwesenheit glänzen können. Und jetzt? Sie fehlten in den Dörfern an der Grenze zu Gaza. Sie fehlten bei der Beisetzung der Opfer. Sie fehlten in den Spitälern. Sie fehlten überall.

Oppositionsführer Yair Lapid und seine Frau Lihi haben unabhängig voneinander Spitäler besucht und mit den Verletzten und Betroffenen gesprochen.



Kategorien:Israel

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar