Krieg in Israel – Tag XVII

9. Cheschwan 5784

In London haben sich am vergangenen Samstag etwa 100.000 Menschen zu einer pro-palästinensischen Demonstration versammelt, um das sofortige Ende der Angriffe der IAF auf Gaza zu fordern. Ab 14 Uhr marschierten sie vom Hyde Park Corner über Piccadilly und Trafalgar Square vorbei an Whitehall zum Parlament, wo sich die Menge nach einer Schlusskundgebung gegen 17 Uhr auflöste. 10 Personen wurden festgenommen. Fünf Polizisten erlitten leichte Verletzungen. Die Verhaftungen fanden statt, nachdem Feuerwerkskörper geworfen wurden, es zu Beleidigungen von Passanten und Behinderung der Einsatzkräfte kam. Die U-Bahn-Station am Marble Arch musste kurzfristig geschlossen werden. Interessant ist, dass die Demonstration gleichzeitig mit der Öffnung des Grenzübergangs Raffah zwischen Ägypten und Gaza stattfand. Die am lautesten zu hörende Forderung der Demonstranten war: «From the river to the sea, Palestine will be free». Nicht gerade dazu angetan, an die Friedfertigkeit der Demonstranten zu glauben.

Auch in Berlin-Neukölln, einer der palästinensischen Hochburgen in der Stadt, fand am Samstagabend eine pro-palästinensische Demonstration statt. Auch hier war der oben genannte Schlachtruf immer wieder zu hören. Im Gegensatz zu London, wo sich die Polizei zurückhielt, ermittelt sie in Berlin wegen israelfeindlicher, strafbarer Parolen. Es besteht damit der Anfangsverdacht der Volksverhetzung. 

Ebenfalls in Berlin, vor dem Brandenburger Tor, versammelten sich am Sonntag etwa 25.000 Menschen zu einer Solidaritätsdemo mit Israel. Auch Angehörige von deutschen Geiseln der Hamas waren unter den Teilnehmern. Im Gegensatz zu den anti-israelischen Demonstrationen waren verstärkte Sicherheitsmassnahmen vorgenommen worden. Auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender nahmen teil. Unter den Sprechern war der israelische Botschafter, Ron Prosor: «Jetzt ist der Moment der Entscheidung gekommen, für das Licht oder für die Dunkelheit. Wer schweigt, lässt das Böse gewinnen. Die Hamas, ist schlimmer als der Islamische Staat und eine Gefahr für uns alle.» Steinmeier hielt fest: «Jeder einzelne Angriff auf Jüdinnen und Juden, auf jüdische Einrichtungen ist eine Schande für Deutschland! Der Schutz jüdischen Lebens ist Staatsaufgabe und Bürgerpflicht zugleich. Alle Menschen in unserem Land – also nicht nur deutsche Staatsbürger – sollten diese Pflicht annehmen

Die Zahl der auf Israel abgefeuerten Raketen aus dem Gazastreifen wird zwischen dem 7. und 22. Oktober mit mehr als 7.400 angegeben. 1.100 wurden vom Iron Dome abgefangen. Das Abwehrsystem wird nur dann aktiviert, wenn klar ist, dass die Rakete auf bewohntem und daher stark gefährdetem Gebiet niedergehen wird. 550 waren Fehlschüsse und landeten in Gaza, 400 verursachten direkte Treffer.

Bei Vorbereitungen zu Beginn der Bodenoffensive kam gestern ein Soldat ums Leben und drei weitere wurden verletzt. Während sie dabei waren, das Grenzgebiet nach den sterblichen Überresten von Opfern der Hamas-Terroristen abzusuchen und allfällige Minen zu entschärfen, eröffnete die Hamas von jenseits des Zaunes das Feuer auf die Soldaten. Die USA bleiben bei ihrer Aufforderung, die Bodenoffensive zugunsten von Verhandlungen zur Befreiung der Geiseln zu verschieben. Kontakte zwischen den USA und Katar könnten dazu führen, dass 50 Geiseln mit Doppel-Staatsbürgerschaft zeitnah freigelassen werden, so vermeldet es die New York Times.

Während der Nachtstunden eliminierte die IAF Dutzende Hamas-Terroristen, unter ihnen den stellvertretenden Kommandanten jener Gruppe, die für den Beschuss auf Israel verantwortlich ist. 

Zu einem bedauerlichen Zwischenfall kam es am frühen Sonntag. Die IAF beschoss irrtümlich einen ägyptischen Grenzposten in der Nähe von Kerem Shalom mit einer Panzerabwehrrakete. Ein ägyptischer Militärsprecher betonte, dass sich Israel sofort entschuldigt habe. Eine nicht genannte Zahl von Grenzsoldaten hätte leichte Verletzungen erlitten. Israel hat zugesagt, den Vorfall sofort genau zu untersuchen. 

Die Zahl der bestätigten Geiseln im Gazastreifen hat sich auf 222 erhöht. Die genaue Zahl der Geiseln mit ausländischen Pässen oder Doppel-Staatsbürgerschaften wurde nicht veröffentlicht.

© Amoz Biedermann, screenshot Facebook „Für uns wird es schwieriger uns von ihm zu befreien!“

Durchaus nachvollziehbarer Kritik ist der vom PM bestellte Koordinator für die Freilassung der Flüchtlinge, Brigade General Gal Hirsch, ausgesetzt. Als sei es sein Verdienst, dass die beiden US-amerikanischen Geiseln, Judith und Natalie Raanan, von den Hamas-Terroristen freigelassen wurden, posierte er, händchenhaltend mit beiden, auf den ersten Bildern. Bekleidet mit einer schusssicheren Weste, zieht er in den Propaganda-Krieg. US-Präsident Joe Biden und Katar haben mit den Terroristen die Freilassung ausgehandelt. Und doch, Hirsch stellt sich zur Schau, als sei er der eigentliche Held. Das ist typisch für den Likud des PM, dessen Freund er ist. Hirsch ist die falsche Besetzung. Der PM sucht seine Steigbügelhalter strikt nach der Maxime aus: «Was kann er für mich tun?» Nicht für das Land, nein. Hirsch war vor seiner Ernennung in den Medien aktiv und kämpfte für den PM medial gegen Staatsanwaltschaft und Polizei. Hirsch ist damit beschäftigt, Netanyahu aus den Fängen der Justiz zu befreien und nicht die Geiseln aus den Fängen der Hamas.

Wie negativ die Stimmungslage gegen die aktuelle Nicht-Regierung ist, zeigt ein Vorfall in einem israelischen Krankenhaus. Umweltministerin Idit Silman, Likud, wollte Verletzte besuchen, als sie bereits im Eingangsbereich auf heftige Ablehnung stiess. Eine offensichtlich betroffene Frau und ein aufgebrachter Mitarbeiter überschütteten sie mit heftigen Vorwürfen und verjagten sie.

Prof. em. Shimon Shetreet wurde von TV France24 und Sky News zu seiner Einschätzung des historischen Besuches von US-Präsident Joe Biden in Israel befragt. Besonders hob er die Bedeutung des Besuches als aktive, strategische Bedeutung des Besuches für Israel hervor. Er zeigte sich überzeugt, dass er die Bemühung unterstützt, um zu verhindern, dass sich der Krieg zu einem regionalen oder globalen Krieg ausweitet. Zur Frage, welche politischen Entwicklungen und diplomatischen Schritte er erkennt, betonte er, dass die wichtigste Aufgabe die Beseitigung der Hamas als militärische und politische Kraft sei. Erst wenn diese erfüllt sei und, ebenso dringlich, alle Geiseln aus Gaza befreit worden seien, bestünde nach seiner Einschätzung die Chance auf eine politische Einigung. Unter US-amerikanischer Vermittlung wäre es dann vielleicht möglich, eine Übereinkunft mit der PA und den sunnitisch-arabischen Ländern zu finden. Erst dann könne man die Normalisierungsbemühungen mit Saudi-Arabien fortsetzen. 

In einem Schreiben an seine Kollegen aus der Vereinigung ehemaliger Richter schrieb er: «Die Strategie des Friedens im Tausch gegen Wohlfahrt und Dollars ist gescheitert, die Politik, den Konflikt zu bewältigen statt politische Verhandlungen zu führen, ist gescheitert, die Strategie, die Palästinensische Autonomiebehörde zu schwächen und sie vom Gazastreifen zu trennen, ist gescheitert (…) Die Notstandsregierung hat die höchste Pflicht, sich für die Rückkehr der 199 in Gaza entführten Personen einzusetzen, darunter ältere Frauen und Kinder, und dies parallel zu den Kriegsanstrengungen zur Vernichtung und Entwurzelung der Hamas.»

Þ eine vollständige Zusammenfassung beider Texte habe ich hier unter «Shimons’ Lounge» auf Ivrith eingestellt. 

In Ramat Gan, unmittelbar neben Tel Aviv gelegen, wurde von der Maccabi World Union eine Zeltstadt für etwa 1.000 Flüchtlinge errichtet, die sowohl im Norden als auch im Süden des Landes ihre Wohnungen auf Grund der drohenden Gefährdung verlassen mussten. Derzeit haben schon 700 Flüchtlinge aus dem Süden ihre Zelte bezogen. Eine zweite Zeltstadt ist für Eilat geplant. Die zur Verfügung gestellten Bettenkapazitäten sind so berechent, dass im Falle eines Raketenalarms alle Flüchtlinge in der Nähe befindliche Schutzräume aufsuchen können. Die Zelte sind so ausgestattet, dass sie auch in den kommenden Wintermonaten Schutz vor Kälte und Nässe bieten. In Eilat haben mittlerweile bereits 60.000 (!) Flüchtlinge Schutz erhalten. Sie leben in den 12.000 Hotelzimmern des beliebten Ferienorts am Roten Meer, in 4.000 Airbnb Zimmern und umgewidmeten Notunterkünften. Damit hat sich die «Einwohnerzahl» Eilats innerhalb weniger Tage verdoppelt. Gleiches gilt auch für die Resorts am Toten Meer. Eine unglaubliche logistische Herausforderung, vor allem, was die Ver- und Entsorgungsinfrastrukturen angeht.

Ganz anders reagieren zwei Luxushotels in Jerusalem. Das Mamilla und das David Citadel, beide betrieben von Alfred Akirov und seiner «Alrov Real Estate and Hotels Company», weigern sich, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. Die dürftige Begründung: Mitarbeitermangel. Auch ein Angebot des Tourismusministeriums, bei der Suche nach Mitarbeitern zu helfen, lehnte Akirov ab. Kein Flüchtling wird den Service eines 5* Hotels erwarten, das ist mir aus meinen eigenen Erfahrungen von der Arbeit mit Flüchtlingen vor dem Bosnien-Krieg bekannt, die in Vorarlberg in einer ehemaligen, vom Militär betriebenen Kaserne Zuflucht fanden. «Wenn Unternehmen wie Isrotel, Fattal und internationale Ketten wie Hilton und Accor sich den nationalen Bemühungen anschliessen und alle ihre Luxushotels, einschliesslich der Wellness-Hotels wie das Carmel Forest und Beresheet, für die Evakuierten öffnen können, muss man sich fragen, warum sich die beiden Luxushotels von Akirov nicht auch anschliessen können.» sagte ein leitender Angestellter der Branche. Von den etwa 56.000 Hotelzimmern, die in ganz Israel zur Verfügung stehen, befinden sich etwa 40.000 in den touristischen Gebieten im Norden und Süden des Landes.

Die New York Times, nicht gerade bekannt für ihre zumindest objektive Berichterstattung zu Israel, gibt Fehler im Zusammenhang mit der Explosion im al-Ahli Spital in Gaza zu. Im redaktionellen Teil gestand sie mangelnde journalistische Genauigkeit zu. Die NYT hatte unmittelbar nach dem Vorfall die Aussagen der Hamas-Terrororganisation ungeprüft übernommen und Israel verantwortlich gemacht. Israel legte schnell Beweise vor, dass nicht die IAF, sondern fehlgeleitete Raketen aus Gaza verantwortlich seien. Sowohl die USA, als auch die Geheimdienste der meisten Staaten übernahmen diese vorgelegten Beweise. Die Geschichte der NYT wurde im Laufe der Zeit aktualisiert, aber «die Redakteure hätten bei der ursprünglichen Darstellung mehr Sorgfalt walten lassen und deutlicher darauf hinweisen sollen, welche Informationen verifiziert werden konnten». Man habe sich zu sehr auf Behauptungen der Hamas verlassen und nicht deutlich gemacht, dass diese Behauptungen nicht sofort überprüft worden waren.  

Israels Präsident Isaac Herzog hielt in einem Interview mit Sky News fest, dass die Hamas-Terroristen den Einsatz von Zyanid gegen israelische Zivilisten geplant hatten. Auf einem USB-Stick, der bei einem der Terroristen gefunden wurde, gab es genaue Anweisungen wie man chemische Waffen herstellt. Die Anweisungen stammen ursprünglich von Al-Qaida. «Dies ist Material, das auf der Leiche eines dieser sadistischen Schurken gefunden wurde. Es ist Al-Qaida-Material, offizielles al-Qaida-Material. Wenn wir es mit ISIS, al-Qaida und Hamas zu tun haben, dann haben wir es mit diesem Material zu tun. Und in diesem Material gab es Anleitungen, wie man chemische Waffen herstellt.»

Die Beobachtungsballons entlang der Grenze zum Gazastreifen befinden sich, wie nun klar wurde, seit einem Jahr in einem nahezu unbrauchbaren Zustand. Dies gab die IDF jetzt bekannt. Beobachter und Kommandanten der Grenzeinheiten hatten immer wieder warnend darauf hingewiesen. Für die Hamas-Terrororganisation stellte das eine unglaubliche Erleichterung dar. Durch die defekten Überwachungsgeräte war es der IDF weitgehend unmöglich, das Geschehen im Bereich der Grenze zu beobachten, zu analysieren und entsprechend zu reagieren. Das so möglich gewordene, gezielte Vorgehen der Terroristen zunächst auf die Beobachtungstürme und die Ermordung der dort, zumeist weiblichen Soldaten, wird vor diesem Hintergrund verständlicher. Haaretz berichtete bereits Monate vor dem grausamen Massaker über abgestürzte Ballone. Völlig verantwortungslos war die damalige Entscheidung, eine Reparatur zu verschieben. Erst als am Morgen des Massakers weitere vier Ballons abgeschossen wurden, wachte die IDF auf und ordnete eine Untersuchung an. Das Südkommando beschloss nun, das alte Netzwerke wieder herzustellen. Man verliess sich lieber auf den, mittlerweile als völlig ungeeignet erkannten, High-Tech Zaun. Der sei besser zur Abwehr von Terroristen geeignet, als die bewährten Ballone, die aus einer Höhe von 500 m gestochen scharfe Bilder lieferten. Jedoch unterliess man es, die Systeme zu warten und wenn notwendig, defekte Teile auszutauschen. Das Unternehmen, welches die Systeme installiert hatte, kündigte vor einem Jahr die Wartungsverträge. Die Systeme seien nicht mehr im Programm und es gäbe daher auch keine Ersatzteile mehr. Wenngleich sich die Soldaten vor Ort für den Erhalt der Überwachungsballons und Kameras auf Wachtürmen aussprach, inspizierte ein IDF-Team die Anlagen und bestätigte, dass die meisten nicht mehr einsatzfähig seien. Man wolle sich lieber auf mit Kameras bestückte Drohnen verlassen. 

Polizeichef Kobi Shabtai lobte bei einer Sitzung des Nationale Sicherheits-Gremiums ausdrücklich das vorbildliche Verhalten der israelisch-arabischen Bevölkerung. Es sei, mit ganz wenigen Ausnahmen nicht zu den befürchteten Solidaritätskundgebungen mit der Hamas und den Palästinensern gekommen. Wo es Bedenken gegeben habe, seien diese auf lokaler Ebene gelöst worden. Die Polizei sei aber auch deutlich besser, als im Jahr 2021 vorbereitet gewesen, wo es zu heftigen Zusammenstössen zwischen Arabern und Juden gekommen sei.  Bisher sind nur vier Araber wegen Verhetzung angeklagt worden, ebenso wie ein Prediger aus Ost-Jerusalem.



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