Num, Badmidbar 1:1 – 4:20

Haftara: Hoshea[1] 2:1 – 22

46. und 47. Tag des Omer-Zählens

ב“ה

1./2. Siwan 5784                                                                  7./8. Juni 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                          19:03

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:26

Shabbateingang in Zürich:                                                                 21:02

Shabbatausgang in Zürich:                                                                22:22

Shabbateingang in Wien:                                                                   20:34

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:56

Wir befinden uns immer noch ziemlich am Beginn der Wüstenwanderung. Im ersten Vers des heutigen Torah-Abschnittes lesen wir: Am ersten Tag des zweiten Monats im zweiten Jahr nach dem Auszug aus Ägypten sprach der Herr in der Wüste Sinai…“

Gott gab den Befehl, alle über 20 Jahre alten Männer, getrennt nach Stämmen zu zählen. Die Söhne von Levi wurden von der Zählung ausgenommen. Sie waren vom Kriegsdienst befreit und dienten ausschliesslich im Tempel.

Die Zahl ergab eine Summe von 603.550 Männern (Num 1:46). Jede Bewegung dieser grossen Zahl an Menschen stellte eine logistische Herausforderung dar, die unvorstellbar war. Die Stämme sollten getrennt voneinander lagern, jedem Stamm wurde eine bestimmte Stelle vorgeschrieben.

Selbst bei vorsichtiger Schätzung müssen sich zwischen 1.5. und 2 Millionen Menschen im gesamten Lager befunden haben. Den Überblick zu bewahren war unmöglich für einen Menschen, das konnte nur Gott schaffen. Man muss aber davon ausgehen, dass die Zahlen weitaus geringer waren und sich wahrscheinlich nur ein Bruchteil auf der Wanderschaft befand. Zur Zeit des Exodus lebten im ‚Neuen ägyptischen Reich,‘ das etwa von 1550 bis 1070 BCE andauerte, knapp 4 Millionen Menschen. Ein Exodus dieser Grössenordnung wäre für das Land eine Katastrophe gewesen!

Vor den Israeliten liegt eine gefährliche Wanderung, die noch 38 Jahre andauern wird. Die Sonne brennt gnadenlos. Wer zu wenig Wasser bei sich hat oder seinen Körper nicht ausreichend schützt, bekommt schnell gesundheitliche Probleme. Um den Weg nicht zu verlieren, musste man entweder den Lauf der Gestirne kennen oder eben Gott und seinen Zeichen folgen.

Die Symbole der 12 Stämme Israels

Gott bereitet sie auf ihren Weg vor. Jeder Stamm erhält seine Aufgabe und eine eigene Fahne, das Heereszeichen, an dem man sie voneinander unterscheiden kann. Jede Fahne bildet das Symbol des Stammes ab. Die Fahnen dienten aber auch denen, die von ihrem Stamm getrennt wurden, als Hilfe, um wieder heimzukommen.

Als ersten Schritt in Richtung einer definierten Ordnung schuf Gott einen Rahmen, in dem jeder seinen Platz fand. Jeder konnte so verinnerlichen, was sein Platz innerhalb der Gemeinschaft war und worin seine Aufgaben bestanden.

Die Zeit in der Wüste war, wenn wir es rückwärts blickend anschauen, die Schule des Lebens. Aus Sklaven wurden freie Menschen, aus planlos agierenden Personen wurden Menschen, die sich einem grossen Plan, dem Plan Gottes unterordneten und ihm folgen konnten.

Leider müssen wir auch heute, im Jahr 2024 erkennen und zugeben, dass wir uns, was Gottes Plan für uns angeht, noch ganz tief in den Babyschuhen stecken. Immer noch beherrschen Neid und falscher Ehrgeiz die Welt. Kaum jemand ist vollständig glücklich mit seinem Geschick. Wir definieren uns zwar immer wieder neu, in der Hoffnung, einen besseren Platz zu finden. Leider fällt es vielen Menschen aber schwer, einen wirklichen roten Faden in ihrem Leben zu finden.

Die heutige Haftara stammt aus der Feder von Hoshea, der zu den sog. ‚Kleinen Propheten‘ des Tanachs gehört und der etwa zwischen 750 und 725 in Samaria wirkte. Sein Hauptthema ist die Kritik an der bestehenden Kultur und die Auseinandersetzung mit der herrschenden Opferpraxis. Sein Privatleben war eine Katastrophe, seine Frau betrog ihn regelmässig, gleichgültig, welche pädagogischen Tricks er auch anwandte. Dabei liebte er sie. Diese unglückliche Beziehung wurde zum Symbol für die Beziehung Israels zu Gott.

Vers 1 beginnt damit, dass Hoshea die Kinder Israels und deren Bedeutung einschränkt. Er spricht von ‚einer Anzahl der Kinder Israels‘. Ja, stimmt, unter den Völkern der Erde sind wir eines der kleinsten Völker. Immer wieder wurden wir gewaltsam dezimiert, nahezu ausgerottet, wurden Opfer von Genoziden, durchgeführten und geplanten, bis in die heutige Zeit. Trotzdem haben wir uns immer wieder unseren Platz in der Gesellschaft erobert. Noch sind wir weit davon entfernt, so zahlreich wie die Sandkörner des Meeres zu sein. Von der Prophetie Hoseas, dass wir uns als Volk ein gemeinsames Oberhaupt wählen, ist noch nichts am Horizont zu erspähen.

Im Gegenteil, die Namensgebung, die sich Hoshea für seine Kinder ausdenkt, entsprechen der Beziehung der Israeliten zu Gott: Seinen ersten Sohn nennt er ‚Israel‘, den zweiten ‚LoAmmi‘ zur Erinnerung, dass Israel zu seinen Kindern gesagt hat: „Ihr seid nicht mein Volk, ihr seid das Volk Gottes.“ Seine Tochter nennt er ‚Ruhama‘. Der Name leitet sich her von רַחֲמִים, Erbarmen und erinnert an Gottes Versprechen, dass er zwar nicht dem ganzen Volk pauschal, wohl aber einzelnen, die ihm treu blieben, verzeihen wird.

Die folgenden Verse sind nach aussen die Aufforderung an die Israeliten, so lange den Kampf gegen den Abfall vom Glauben zu kämpfen, bis der Wunsch einer Rückkehr grösser ist als die selbstzerstörerische Freude am unrechten Tun. Tatsächlich aber beschreibt er hier auch seine Beziehung zu seiner Frau als metaphorische Aufforderung an seine Kinder, resp. an das ganze Volk Israel, um die Rückkehr zu Gott zu kämpfen. Gott wird jene Kinder ablehnen und von sich weisen, die diesen Kampf nicht führen. Er wirft ihnen vor, nach wie vor Ba’al, dem Götzen anzuhängen.

Doch nach diesen trüben Gedanken tritt das ein, was Hoshea vor sich sah, als er seiner Tochter den Namen gab: Gott nimmt die ihm Entfremdeten wieder auf. Er führt sie in die Wüste und redet mit ihnen. Vers 17 ist eine wunderschöne bildhafte Textstelle: „Ich mache das Tal der Betrübnis zur Morgenpforte der Hoffnung. Dort wird sie wieder meinem Ruf entsprechen, wie in den Tagen ihrer Jugend, und wie am Tag, da sie hinauszog aus dem Land Mizrajim.“

Es ist fast wie das Versprechen einer ewigen Liebe, wie wir sie uns auch für unser Leben wünschen. Gott wiederholt seinen Bündnisantrag, bietet uns einen erneuerten ewigen Bund an.

Am kommenden Dienstag, dem 11. Juni, beginnt abends das Shawuot-Fest. Im bürgerlichen Israel wird dieser Tag als Erntedankfest gefeiert. Im religiösen Judentum feiern wir den erneuten Empfang unseres ‚Grundgesetzes‘ am Sinai. Wieder ein Anlass mit Freunden und der Familie gemeinsam zu feiern. Traditionell iss man während der zwei Feiertage ausschliesslich Milchprodukte, in der Schweiz gehören ganz sicher Raclette und Fondue dazu!

Shabbat Shalom und Chag Shavuot Sameach!


[1] Hinkünftig benutze ich die transkribierten Namen aus dem Hebräischen.



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