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Wer gestern eine staatsmännische Rede von Netanyahu im Kongress in Washington erwartet hat, der wurde enttäuscht. Keine Frage, Netanyahu ist ein brillanter Redner, der mit wohlgewählten Worten, minimalen Gesten und einer eindrucksvollen Mimik und Sprachmodulation das tut, was man am besten mit dem Satz: «Ich habe viel gesprochen und wenig gesagt» beschreibt.
Kein Wort zum Geiselabkommen, kein Wort zum Waffenstillstand. Wer gehofft hat, Netanyahu würde die grosse Bühne des Kongresses nutzen, um seine Zustimmung zum neuesten Abkommens-Vorschlag bekannt zu geben, der sah sich bitterlich enttäuscht. Die ganze Rede kann hier nachgelesen werden.
Netanyahu begann seine Rede mit einer ausführlichen Schilderung der Massaker vom 7. Oktober. Etwa zehn Minuten dauerte der dramatisch und hochemotional vorgebrachte Rückblick auf den dunkelsten Tag, den wir Juden seit der Shoa erleiden mussten. Seine angeblich enge Beziehung zu den Geiseln und deren Familien, von der in Israel nie etwas zu spüren war. Hier wird sie Teil der Dramaturgie der Rede. Zehn Minuten, die mit dem kryptischen Hinweis endeten, dass eine Rettungsaktion genau in dem Moment stattfand. Die Suche nach den sterblichen Überresten von fünf Geiseln in Khan Younis (s. oben).
Nach jedem zweiten Satz erhielt Netanyahu tobenden Beifall.
Dann ein kurzer Dank an Präsident Biden. Netanyahu hätte ihm mehr Zeit widmen müssen, der Krieg gegen die Hamas ist noch lange nicht vorbei und Biden ist noch bis Januar im Amt. Und sollte, wie ich stark hoffe, Kamala Harris die Wahl gegen Trump gewinnen, so wird Biden auch für die Zeit zwischen der Wahl im November und der Vereidigung am 6. Januar keine ‘lame duck’ werden, es wird ein nahtloser Übergang stattfinden.
Zehn Minuten etwa widmete Netanyahu vier Soldaten der IDF, die jeder für sich ein Held, der Menschenleben während des Massakers rettete, Terroristen tötete, verwundet wurde. Ja, unseren Dank haben sie wahrlich verdient. Dass die hier Anwesenden einen wunderbaren Querschnitt durch die israelische Gesellschaft darstellen, ist Teil der Selbstinszenierung Netanyahus: Ein Äthiopier, ein Beduine, ein Israeli und ein Amerikaner.
Netanyahu zitiert die Torah, er vergleicht die heutige IDF mit den Makkabäern. Er ehrt den Vater eines gefallenen Soldaten, der als Überlebender der Shoa nach Israel kam. Und, das darf natürlich nicht fehlen, er zitiert auch «Nie mehr ist jetzt!» als Übergang zum nächsten Thema.
«Um unsere brutalen Feinde zu besiegen, braucht es sowohl Mut als auch Klarheit. Klarheit beginnt damit, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erkennen.» Mit diesem Satz leitet Netanyahu den Teil ein, in dem er über die anti-Israel Demonstrationen sprach, über jene Menschen, die die Hamas unterstützen. Problemlos ging er dann von den anti-Israel Demonstrationen zum Iran über, der die Demonstrationen finanziert. Wenn das den Demonstranten nicht klar sei, dann, so zitierte er Lenin, seien sie «nützliche Idioten des Irans.» Dann spricht er über das Unwissen der Demonstranten. Kein Wissen zur Geschichte, kein Wissen zur Geografie, keines zur Torah. Er verurteilt den Unwillen grosser US-amerikanischer Universitäten, die Aufrufe zur Tötung von Juden auf dem Campus zu verurteilen, Stichwort «Es kommt auf den Kontext an». Er sprach über Antisemitismus, Judenhass, falsche und verdrehte Aussagen zum Staat Israel, Dämonisierungen. Und er verlangte, all das mit aller Macht zu bekämpfen.
Netanyahu spricht vom ICC, der Israel des Genozids und der Kriegsverbrechen gegen die Menschen in Gaza beschuldigt. Und er korrigiert die Vorwürfe, indem er die Zahl der Hilfsgüter-Lieferungen aufführt, nennt die Mindestmenge der Kalorien, die laut WHO ein Mensch zum Leben braucht. Israel hat zusätzliche 50 % geliefert. Waren, die die Hamas den Zivilisten stiehlt und Israel anklagt, zu wenige Lieferungen zuzulassen. Er beschreibt, wie die IDF versucht, mit SMS, Anrufen und Flugblättern die Zivilbevölkerung zu warnen, bevor ein Angriff erfolgt. «Für Israel ist jeder zivile Todesfall eine Tragödie. Für die Hamas ist es eine Strategie. Sie wollen, dass palästinensische Zivilisten sterben, damit Israel in den internationalen Medien in Verruf gerät und unter Druck gesetzt wird, den Krieg zu beenden, bevor er gewonnen ist.»
Die USA, so betont Netanyahu, sind nicht auf all die Lügen, die zu Israel verbreitet wurden und immer noch weiterverbreitet werden, hereingefallen. Ein Grund für ihn, sich bei den US-Amerikanern zu bedanken.
36 Minuten seiner gesamten Redezeit sind nunmehr vorbei. Bisher gab es nichts Neues zu hören. Aber die Abgeordneten der Republikaner bejubeln und beklatschen ihn. Es klingt fast wie das ‘da capo’, ein Szenenapplaus. Die anwesenden Demokraten sitzen und schweigen, von ihnen sind nur etwa 50 Abgeordnete von 212 im Raum.
Das nächste Thema ist der Iran, der hinter allem steht, was sich derzeit im Nahen Osten abspielt. Netanyahu geht zurück bis zum Staatsgründer Ayatollah Khomeini und dessen Vision von der islamischen Weltherrschaft.
Netanyahu hält dem seine Vision entgegen: «Nun fragen Sie sich, welches Land letztlich den wahnsinnigen Plänen des Iran im Wege steht, der Welt den radikalen Islam aufzuzwingen? Und die Antwort ist klar: Es ist Amerika, der Hüter der westlichen Zivilisation und die grösste Macht der Welt. Deshalb sieht der Iran Amerika als seinen grössten Feind an.»
Das ist der politische Inhalt seiner Rede! Von der Staatsgründung des iranischen Regimes bis heute schlägt Netanyahu den Bogen der US-amerikanisch – iranischen Geschichte von Angriffen und Terror. Israel, so betont er, ist nur das Werkzeug, der eigentliche Krieg des Irans ist gegen die USA. Hoppla, auch da ertönt gewaltiger Beifall!! Und das, obwohl der Iran auch gedroht hat, den republikanischen Kandidaten Trump zu ermorden. Das ist schräg, aber auch das Verhalten der US-amerikanischen Politiker, die wie die Lemminge das tun, was einer tut. Steht einer auf, steh’n alle auf…
Der Iran weiss, so fährt Netanyahu fort, dass er erst Israel mit Hilfe ihrer Terror-Organisationen auslöschen müssen, bevor er Amerika auslöscht. Dieser Abschnitt endet mit einer selbstüberheblichen Aussage: «Wir schützen auch Sie! Unsere Feinde sind Ihre Feinde, unser Kampf ist Ihr Kampf und unser Sieg wird Ihr Sieg sein.»
Nach sieben Minuten ein erneuter Themenwechsel zurück nach Israel. Netanyahu berichtet von den evakuierten Bürgern im Norden und Süden, vom Drohnenangriff durch die Houthis auf Tel Aviv. Und noch ein letzter Seitwärtsschritt, der die Unterstützung Israels durch die USA hoch lobt. Halb offen, halb versteckt hinter einem Zitat von Churchill in Richtung USA. «Gebt uns das Handwerkszeug, wir machen den Job.» appelliert Netanyahu an die USA: «Gebt uns die Mittel schneller, und wir werden den Job schneller erledigen.»
Es folgt eine weitere bekannte Vision: «Der Krieg in Gaza könnte morgen enden, wenn die Hamas kapituliert, ihre Waffen abgibt und alle Geiseln freilässt.», das wie wir alle wissen, nicht geschehen wird! Netanyahu geht auf den ‘Tag danach’ ein, genauso wenig konkret, wie er es bisher immer gemacht hat und weshalb man ihn in Israel und der Welt kritisiert: «Am Tag nach dem Sieg über die Hamas kann ein neues Gaza entstehen. Meine Vision für diesen Tag ist ein entmilitarisiertes und entradikalisiertes Gaza. Israel strebt keine Wiederbesiedlung des Gaza-Streifens an. Doch in absehbarer Zukunft müssen wir dort die übergeordnete Sicherheitskontrolle behalten, um ein Wiederaufleben des Terrors zu verhindern und sicherzustellen, dass Gaza nie wieder eine Bedrohung für Israel darstellt.» Das aber ist genau das, was seine rechtsextremen Koalitionspartner wollen: die Wiederbesiedlung von Gaza.
Zum Schluss gibt sich Netanyahu dann tatsächlich als den grossen Visionär für den Nahen Osten. Ein kurzer Dank nochmals an Joe Biden. Knapper geht es nicht. Dabei ist es Biden zu verdanken, dass am 14. April, als der Iran Israel erstmals direkt und mit seinen Proxies angriff, die USA und mehr als sechs Verbündete Israel vor den Raketen schützte. Da ist ein «Vielen Dank, Präsident Biden, dass Sie diese Koalition zusammengebracht haben», doch sehr mager. Aber warum sollte Netanyahu noch viel in Biden investieren, wenn doch Trump wieder kandidiert? Doch Vorsicht! Biden ist noch sehr aktiv, auch wenn er sich im Endspurt seiner politischen Karriere befindet.
Dann folgt ausufernder Dank an Trump: Dank für die ‘bahnbrechenden Abraham-Abkommen’, Dank für ‘alles, was er für Israel getan hat’.
Der Abschluss ist Hoffnung für Israel, Hoffnung für die USA, Hoffnung für den gemeinsamen Kampf gegen den Terror.
Dann das Ende von dem, was als historische Rede angekündigt wurde und doch nichts anderes war, als ein didaktisch und sprachlich gut aufgebaute Rundumschlag, ohne Neues zu bringen.

Kategorien:Israel
Sie haben vergessen zu erwähnen, dass Netanjahu die Gründung einer Art Nahost-NATO Israels mit willigen arabischen Nationen vorgeschlagen hat. Das ist eine konkrete Vision gewesen und sie ist zur Abwehr des terroristischen, missionarisch-imperialistischen Mullah-Regimes im Iran keine schlechte Idee.
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