Deuteronimium, Dwarim 1:1 – 3:22

Haftara: Jeshajahu 1:1 – 27

ב“ה

5./6. Aw 5784                                                                9./10. August 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         17:30

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         18:45

Shabbateingang in Zürich:                                                                 18:25

Shabbatausgang in Zürich:                                                                19:26

Shabbateingang in Wien:                                                                    20:00

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:09

In diesem letzten Buch lesen wir im heutigen Torah-Abschnitt die letzte grosse Rede, die Moshe an das Volk Israel richtet. Im 2. Buch, dem Buch Exodus steht im Vers 4:10 „Mein Mund und meine Zunge sind nämlich schwerfällig.“ Gott hatte damals bestimmt, dass Aaron, der Bruder von Moshe, als dessen Sprecher fungieren sollte. Doch Aaron ist schon lange tot, und Moshe findet nur wenige Wochen vor seinem Tod eindringliche Worte, «dwarim» דְּבָרִים.

Die hebräische Sprache nutzt die Wurzel eines Wortes, um ähnliche und verwandte Worte und Begriffe leichter zuordnen zu können. Es ist erstaunlich, welche Begriffe die gleiche Wurzel haben wie der Titel des Torah Abschnittes dieser Woche:  דבר.

Es sind dies: לדבר (ledaber)sprechen, מדבר (midbar)Wüste, דָּבָר (dawar)Sache, Angelegenheit, Wort. Aber auch die Begriffe: כְּלָלוֹ שֶׁל דָּבָר (clalo shel dawar)zusammenfassend, עֲשֶׂרֶת-הַדִּבְּרוֹת (asseret hadibrot), die zehn Gebote und דִּבְרֵי-הַיָּמִין (diwrey ha’jamim)Chronik sind artverwandt!

Nahezu alle diese Worte und Begriffe haben für dieses letzte Buch von Moshe eine Bedeutung, die augenscheinlich ist.

Erstmals sind es nicht die Worte Gottes, die Moshe seinem Volk weitergibt, es sind seine eigenen. Wobei es klar ist, dass sie widerspiegeln, was Gott ihm aufgetragen hat, so wie es im Vers 1:3 steht.

Es ist das Vermächtnis, das Moshe, im Bewusstsein, dass sein Leben bald zu Ende gehen wird, dem Volk Israel anvertraut.

39 Jahre, zehn Monate und ein Tag sind vergangen, seit die grosse Wanderung begann, die das Volk Israel aus Ägypten führte. Jetzt lagert es am östlichen Ufer des Jordans, bereit, jenes Land zu betreten, das Gott ihnen versprochen hat. Aus der Generation derer, die fast vierzig Jahre zuvor aus Ägypten geflohen waren, leben nur mehr Moshe, sein designierter Nachfolger Jehoshua, aus dem Stamme Efraims und Kalev, aus dem Stamme Juda.

Jehoshua und Kalev waren gemeinsam mit zehn weiteren Spähern von Moses vom Negev aus nach Kanaan ausgeschickt worden, um auszuforschen, was sie im versprochenen Land erwartet. (Num 13:2 ff). Während zehn Späher schreckliche Nachrichten brachten und damit das Versprechen Gottes abwerteten, waren Joshua und Kaleb voll Vertrauen zu Gott.

Sie sollten für ihren starken Glauben belohnt werden. Jehoshua wird von Gott zum Nachfolger von Moshe bestimmt, als «ein Mann, der den Geist in sich trägt» אִישׁ, אֲשֶׁר-רוּחַ בּוֹ (ish, asher ruach bo)[1] (Num 27:18).Ein zweites Mal wird er in wenigen Wochen berufen werden. (Deut 31:7-8) und bei dieser zweiten Berufung werden seine Aufgaben und Gottes Erwartungen an ihn konkretisiert. Kalev, so erfahren wir (Num 14:24) darf, obwohl er noch der Generation der Exilanten angehört, seinen Erbbesitz in Hebron übernehmen.

An ihre Treue zu Gott erinnert heute nicht nur das Symbol für den Tourismus in Israel, sondern auch in zahlreichen Weinbaugebieten Europas, die «Kalev-Traube». Diese erinnert an die aus Trauben zusammengebundene Figur, die von zwei Männern an einem Stock befestigt, zwischen sich getragen wird.

Moshe berichtet der ‚jungen Generation‘, die nicht mit aus Ägypten gekommen ist, zunächst, wie er auf Gottes Geheiss hin ein «Managementteam» zusammengestellt hat, nachdem ihm klar wurde, dass er allein mit der Aufgabe, das gross gewordene Volk zu führen, Streitigkeiten zu schlichten und Recht zu sprechen, überfordert war. Deut 1:12: «Wie soll ich allein ertragen eure Bürde und eure Last und euren Zwist?»

Gleichzeitig forderte er seine neu gewählten Ombudsmänner und Richter auf, gerecht zu handeln, niemanden zu bevorzugen und niemanden zu benachteiligen. Unabhängig sollten sie sein, unbeeinflussbar und dabei immer im Auge behalten, dass sie dies auch bleiben. Theoretisch gilt dieser Grundsatz auch heute für alle Richter. Aber eben leider nur theoretisch. In vielen, vor allem nicht demokratischen Staaten sind Richter durchaus entweder vom Staat abhängig oder aber korrupt. Oder sie kämpfen, wie derzeit in Israel, um den Erhalt ihrer Unabhängigkeit.

Am kommenden Montagabend beginnt  תשעה באב (tisch‘a beAv). An diesem Tag erinnern wir uns der grossen Tragödien, die Israel und die Juden getroffen haben. Der 9. Tag im Monat Aw markiert aber auch das Ende der 3-wöchigen Trauerzeit, in der wir der Zerstörung des Tempels in Jerusalem gedenken.

  1. Gott bestraft das Volk Israel mit der Verlängerung der Wüstenwanderung auf 40 Jahre
  2. Zerstörung des ersten Tempels durch Nebukadnezar II 586 BCE
  3. Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer 70 CE
  4. Ende des Bar-Kochba-Aufstandes 135 CE
  5. Umfassende Zerstörung Jerusalems 136 CE
  6. Beginn der Kreuzzüge und Pogrome gegen Juden 1099
  7. Vertreibung der Juden aus England 1290
  8. Beginn der eigentlichen Inquisition in Spanien 1492
  9. Deportation der Juden aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka 1942
  10. Bombenattentat auf das Jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994

Das Buch der Klagen, das wir an diesem Tag lesen, beginnt mit demselben, in der Thora nur äusserst selten benutzten Wort אֵיכָה (eicha), einem Wort, das tiefe Trauer oder Klage wiedergibt.

Immer wieder lesen wir, dass die Zerstörung beider Tempel auch zu tun hatte mit dem, was wir als sinat chinam שינאת חנם  kennen. Dieser grundlose Hass, den jeder von uns schon einmal gespürt hat, hat so viel Leid und Schmerz in die Welt gebracht, dass wir an diesem Tag auch versuchen müssen, uns davon zu befreien. Keine leichte Aufgabe! Wäre es nicht besser, uns dem Gegenteil, der grundlosen Liebe, der ahavat chinam   אהבת שינם zuzuwenden?

Leider nein, das wäre ein Trugschluss. Beides, grundloser Hass und grundlose Liebe führen zu Kränkungen, Verletzungen und unüberlegten Handlungen.

Moses fordert seine Richter, und damit auch jeden von uns auf, gerecht zu sein, unvoreingenommen und unabhängig von der Beeinflussung durch andere. Am kommenden Montag haben wir die Chance, den ersten Schritt in diese Richtung zu gehen.

Die heutige Haftara stammt aus der Feder von Jeshajahu, der zwischen 740 und 701 BCE wirkte. Er lebte hauptsächlich im Südreich Juda. Einerseits verkündete er dem gesamten Reich das Gericht Gottes, aber auch eine Wende zum universellen Guten mit Frieden und Gerechtigkeit für alle.

Liest man seine Worte des ersten Kapitels, so wird man von Grauen befallen. Er geht mit dem Volk Israel hart ins Gericht. Es ist die Haftara, die uns heute, am Shabbat vor dem 9. Aw vor Augen bringt, was zur Zerstörung der beiden Tempel geführt hat.

In Vers 1:2 heisst es „Ich habe Kinder gross gezogen, doch sie sind von mir abgefallen.“ Gross gezogen nicht in dem Sinn, dass Gott uns vom Neugeborenen bis zum Erwachsenen begleitet hat, sondern gross gezogen im Sinne Gottes, dass er uns seine Welt übergeben hat, um sie zu pflegen und zu gestalten. Und trotzdem ist sein Volk von ihm abgefallen.  

Wir lesen, was Gott seinem Volk vorwirft, ein Vorwurf ist schlimmer als der andere. Nicht nur, dass der Mensch sich selbst vernachlässigt hat, auch seine Felder und Städte sind dem Untergang geweiht, verödet und stehen ohne Schutz da. In Vers 1:8 müssen wir erfahren, dass sogar die ‚Tochter Zion‘, das Synonym für die Stadt Jerusalem, verlassen ist. Jene Stadt, die zur Zeit des Propheten vom Tempelberg gekrönt wurde, steht einsam und verlassen da, wie ‚eine Wächterhütte auf dem Stoppelfeld‘. An Sukkot sind wir heute noch angehalten, in der Sukka, die ja nichts anderes ist, als eine Wächterhütte, zu leben, sofern es das Wetter zulässt. Die Sukka auf dem noch nicht abgeernteten Feld stellte sicher, dass sich kein Fremder, kein Dieb an unseren Feldfrüchten vergriff. Nach der Ernte hatte die Sukka keine Aufgabe mehr. Was Jeshajahu hier beschreibt, ist die Stadt Jerusalem, die ihren Sinn als religiöse Heimat für das Volk Israel verloren hat.

Aber wo Gott ist, ist auch Hoffnung. In Vers 1:9 dürfen wir diese Hoffnung schöpfen. Eine kleine Zahl von gesetzstreuen Menschen hat Gott für uns erhalten, die uns davor bewahren, das gleiche Schicksal zu erleiden, wie einst die Städte Sodom und Gomorrah, die von Gott zerstört wurden, nachdem ihre Bewohner der Sünde anheimgefallen waren. Unser Stammvater Avraham hatte versucht, die Stadt zu retten, indem er Unvorstellbares tat: Er handelte mit Gott (1. Buch Moshe 18:23ff) »Wirst du den Unschuldigen mit den Schuldigen hinraffen?« Gott kennt keine Kollektivschuld, deshalb rettet er auch hier die, wenn auch kleine Zahl der Gesetzestreuen.

In den folgenden Versen müssen wir erkennen, dass Gott die Opfer, die das Volk Israel ihm so eifrig im Tempel genau nach seinen Anweisungen darbrachten, eher als Beleidigung, denn als Geschenk ansah. Im Gegenteil, sie erinnerten Gott an die prunkvollen Opfer, die in den beiden zum Untergang verurteilten Städten dargebracht wurden. Nicht als demütiges Geschenk an Gott, nein, zum Beweis des Reichtums. In ihren Herzen blieben die Kinder Israel abgewandt von Gott.

Liest man die Haftara sorgfältig, dann versteht man, dass wir am 9. Aw nicht beklagen, dass die Tempel zerstört wurden, sondern dass sie aufgrund vom Fehlverhalten der Menschen zerstört wurden.

Gott fordert Umkehr, er wird wieder Richter einsetzen, so wie es Jitro seinem Schwiegersohn Moshe angeraten hatte, damit er nicht allein die Last der Rechtsprechung auf seinen Schultern tragen musste. Das Volk Israel hat noch nicht bewiesen, dass es noch in der Lage ist, allein und ohne Anleitung ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen.

Nach dieser Zeit, und das ist der erste Hinweis im Buch Jeshajahu auf das messianische Zeitalter, wird die Tochter Zion, Jerusalem, wieder zur alten Pracht auferstehen.

Shabbat Shalom


[1] Im Süden Israels, in Mitzpe Ramon, gibt es ein Vorbereitungscamp für angehende Soldaten, die aus einem wirtschaftlich-sozial problematischen Umfeld stammen. Der Leiter, Major Moshik Wolf, hat erkannt, dass in jedem seiner «Kinder» ein wertvoller Mensch mit grossem Potential steckt. Deshalb nennt er sein Camp

 אֲשֶׁר-רוּחַ בּוֹ



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