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12./13. Kislev 5785 13. / 14.12. 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 15:56
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:16
Shabbateingang in Zürich: 16:17
Shabbatausgang in Zürich: 17:28
Shabbateingang in Wien: 15:43
Shabbatausgang in Wien: 16:54
Ja’acov, Lea und Rahel haben sich von Laban, dem Onkel und Vater verabschiedet.
Ja’acov hat sich mit seinen Frauen und Kindern auf den Weg nach Hause gemacht. Wieder einmal sind es Engel, die ihn begleiten. Ja’acov weiss, dass er ein Treffen mit seinem älteren Bruder Esav nicht vermeiden kann und bittet die Engel, die ihn begleiten, ihm als Boten und vielleicht auch als Vermittler zu dienen.
Das hebräische Wort für Engel heisst מַלְאָך malach. Im Griechischen heisst Engel ἄγγελος angelos. Dort hat es ebenfalls die Bedeutung Bote oder Gesandter, wie im Hebräischen. Aus diesem Begriff hat sich in zahlreichen Sprachen die Übersetzung abgeleitet. Wann immer wir in der Torah einem Engel begegnen, dürfen wir davon ausgehen, dass es sich um einen Boten Gottes handelt. Gemäss Talmud gibt es noch zwei weitere Engelgruppen mit anderen Aufgaben: Cherubim, Diener und Begleiter Gottes und Seraphim, die sechs-flügeligen Diener Gottes.
Wir wissen, dass Gott nur sehr wenigen Menschen selbst erschienen ist. Aber, und das war den Kindern Israel bewusst, Gott schickte immer dann einen Boten, wenn wichtige Entscheidungen anstanden. Ja’acov trifft die Boten schon zum dritten Mal.

Ja’acov fürchtet sich vor dem Treffen mit seinem Bruder. Zu Recht, möchte man sagen. Immerhin hat er ihm sein Erstgeburtsrecht und den Segen des Vaters gestohlen. Doch mittlerweile sind zwanzig Jahre vergangen. Die Engel, die er vorgeschickt hatte, um Esavs Stimmung zu ergründen, kommen mit erschreckenden Nachrichten zurück. Zwar kommt der Bruder ihm bereits entgegen, aber er führt 400 Mann mit sich. Ja’acov versucht ihn auf vielerlei Art zu beschwichtigen, um seine zu erwartenden Verluste möglichst gering zu halten.
In der letzten Nacht vor dem Treffen bringt er seine Familie in Sicherheit.
Plötzlich ist da ein Mann. Wir erfahren nichts von ihm, ausser, dass Ja’akov die ganze Nacht mit ihm kämpft und ihn unerwartet besiegt. Ja’acov wächst in diesem Kampf über sich selbst hinaus. Man könnte sagen, in diesem Kampf bekämpft er seine Angst vor dem Treffen mit Esav. Trotzdem zeichnet der Mann ihn, indem er ihm auf die Hüfte schlägt. Er muss fest zugeschlagen haben, den Ja’acov wird für den Rest seines Lebens leicht gehbehindert sein. Ab diesem Augenblick darf er einen neuen Namen tragen. Israel! «Gott wird für mich kämpfen!» Die Geburtsstunde des Namens unseres Volkes und unseres Staates. «Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und darf weiterleben.» Dieser Moment der Erkenntnis muss für Ja’acov überwältigt gewesen sein. An diesem Tag, an dem Ja’acov, der nun mit sich selbst im Reinen ist, morgens aufwacht, hat er sich den Segen seines Vaters, den er vor zwanzig Jahren ergaunert hatte, wohlverdient.
Moralisch gestärkt durch den nächtlichen Kampf mit Gott konnte sich Israel dem Treffen mit Esav stellen. Das Treffen der Brüder verläuft harmonisch. Keiner der beiden muss dem anderen beweisen, dass er der Stärkere ist, sie sind gleichberechtigt. Es scheint, als hätten sie die kurze Zeit zusammen genossen und konnten sich wieder in Freundschaft und Ruhe trennen. Ihre Fehde ist beigelegt. Das nächste Mal, wenn sie sich treffen werden, wird sein, um ihren Vater Jitzhak in der Höhle Machpela beizusetzen. Schon einmal haben sich zwei Brüder nach langer Zeit, in der sie keinen Kontakt hatten, getroffen, um ihren Vater beizusetzen. Ishmael und Jitzhak.
Israel kaufte genügend Land für seinen ganzen Stamm vor der Stadt Schem in Kanaan. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit der Familie Israels. Dina, die einzige Tochter unter den bisher zehn Söhnen Kindern wird von Schem, dem gleichnamigen Sohn des Landesfürsten, vergewaltigt. Er glaubt, sie zu lieben und bittet den Vater, um sie bei Israel zu werben. Woher Israel von der Schändung seiner Tochter gehört hatte, erfahren wir nicht. Später erzählt er davon seinen Söhnen, die ausser sich sind. Damals wie heute ist Vergewaltigung eine schwerwiegende Straftat. Doch Fürst Hamor stellt sich vor seinen Sohn. Statt klar Stellung zu beziehen, versucht er, die aufgebrachten Männer zu beschwichtigen. Dinas Brüder ersinnen eine List. Scheinbar einverstanden mit der Hochzeit haben sie eine Bedingung. Alle Männer des Hauses Schem müssen beschnitten werden. Hamor und sein Sohn schwelgen schon in Vorfreude über das Vermögen, das ihnen zufällt, wenn die beiden Familien vereint sein werden. Sie überzeugen die Männer ihres Stammes und unterziehen sich der Prozedur.
Die «tapferen» Männer erholten sich nur langsam. Shimon und Levi nutzten die Gelegenheit. Sie erschlugen alle Männer, nahmen Frauen und Kinder sowie allen beweglichen Besitz mit sich und sahen damit die Entehrung ihrer Schwester als gerächt an.
Israel aber sah mit gemischten Gefühlen auf das, was seine beiden hitzköpfigen Söhne getan hatten.
Gott jedoch schien einverstanden. Er wies ihnen den neuen Weg, den sie gehen sollten. Zuvor mussten die Gefangenen sich von allen alten Götzen befreien. Alle Figurinen, aller Schmuck, jedes Kleidungsstück wurde von Israel eingesammelt und verbrannt. Israels Familie befürchtete, Racheakte wegen des Massakers zu erwarten. Doch nichts geschah, Gott beschützte sie auf ihrem Weg.
Gott tat noch mehr, die Prophezeiung, die er schon Avraham und Jitzhak gegeben hatte, wiederholt er hier nochmals. Die Nachfahren Israels sollen zu einer Schar von Völkern werden, sie sollen das Land erhalten, das er den Vorvätern versprochen hatte. Dann, so lesen wir in Gen 35:13 «Fuhr der Herr von der Stelle, an der zu ihm gesprochen hatte, in den Himmel auf.» Für den Moment scheint seine Anwesenheit auf der Erde nicht mehr notwendig zu sein.
In Efrata, wenige Kilometer vom heutigen Bethlehem entfernt, stirbt Rahel, die Lieblingsfrau Israels, bei der Geburt ihres zweiten Sohnes, zehn Jahre nachdem sie Josef das Leben geschenkt hatte. In ihrer verzweifelten Situation nennt sie ihn Ben-Oni, was frei übersetzt «Sohn oder Klage» oder «Sohn meiner Lebenskraft» heisst. Israel aber hat seinen Lebensmut trotz des grossen Verlustes nicht verloren, er nennt ihn «Benjamin» wörtlich übersetzt «Sohn zur Rechten», was oft frei als «geliebter Sohn» interpretiert wird. Beide Söhne Rahels werden später massgeblich zur Geschichte des Volkes Israel beitragen!
Es ist eine Familiengeschichte, die sich vor allem im ersten Buch Moses vor unseren Augen entwickelt. Eine Geschichte voll von Liebe und Leid, Mut, Hass, Angst, Neid, Hoffnung, Zuversicht. Sie ist es wirklich wert, im Original gelesen zu werden!
Gehen wir weiter zu den ‘Sprüchen der Väter’ Kapitel 1, Verse 16 und 17
Gamliel ist ein Enkel von Hillel, den wir in der vergangenen Woche kennengelernt haben. Er gilt zusammen mit seinem Sohn Shimon, als bedeutendster Vertreter der Hillel-Schule. In der Mischna, der Basis des Talmuds, heisst es über ihn: «Mit dem Tode Rabban Gamaliëls des Alten hörte die Ehrfurcht vor dem Gesetz auf und starben Reinheit und Enthaltsamkeit.»
16. Rabban Gamliel sagt: «Schaffe dir einen Lehrer und mache dich frei vom Zweifel, sollst du doch keinen übermässigen Zehnten nach Schätzung geben.»
Wie schön wäre es, wenn jeder von uns das Glück hätte, sich einen solchen Lehrer schaffen zu können. Heutzutage verwirrt das Wort ‘schaffen’ vielleicht. Zumindest bis zur Matura sind wir den Lehrern ausgeliefert, die uns von der Schule vorgesetzt werden. Und die Schule wiederum ist zumeist durch den Schulsprengel bestimmt. Natürlich gibt es die durch ihr Wissen überzeugenden Lehrer. Wenn sie dann noch in der Lage sind, spannend und umfassend zu lehren, dann haben wir ein Riesenglück. Wir können aber auch Pech haben und auf jene Lehrer treffen, die nicht nur das Wissen von vor vielen Jahren eingefroren haben, dies aber auch noch nicht einmal kommunizieren können. Zu welchem Typ ich selbst als Lehrer gehört habe? Ich hoffe, zu den guten. Erst später kann man sich, ganz im Stil der Antike, um einen Lehrer bemühen, um einen Platz bei ihm bewerben. Von diesen Lehrern kann man lernen, kann an ihrem Wissen das eigene Wissen wachsen lassen. Natürlich darf man bei ihnen auch Zweifel anmelden. Diese darf man anbringen und sie durch Diskussionen ausräumen. Ich hatte das Glück, zwei solche Lehrer zu finden und durch sie die zu werden, die ich heute bin.
17. Sein Sohn Shimon sagt: «Mein ganzes Leben bin ich unter Weisen herangewachsen und habe für das sinnlich-leibliche nichts Besseres als Schweigen gefunden. Auch das Forschen ist nicht die Hauptsache, sondern das Tun, zu viel versprechen bringt Fehl.»
Shimon hat es klar erkannt, dass man zunächst durch schweigendes Zuhören am meisten lernen kann. Man ist zu Beginn des Lernens noch nicht so weit, sich aktiv in eine Diskussion einzubringen. Genau das war es, wie man damals lernte: durch Zuhören bei einem Lehrvortrag und anschliessender Diskussion. Shimon hat offensichtlich die Erfahrung gemacht, dass die Hermeneutik, die wissenschaftliche Erforschung von Texten weniger bringt, als das aktive Arbeiten an Texten. Jedoch immer im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Überschätzt man sich, und das kennen wir alle, dann wird aus dem perfekt vorbereiteten Text ein verwässertes Stück. Bei dem am Ende niemand mehr weiss, was das Thema war.
Ich wünsche uns allen lebenslang nur gute Lehrer!
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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