Krieg in Israel – Tag 576

6. Ijjar 5785

Leider musste die IDF erneut den Tod von zwei Soldaten bekannt geben. Cpt. Noam Ravid, 23, und Staff Sgt. Yaley Seror, 20, s’’l, verloren ihr Leben bei der Explosion einer Sprengfalle in einem Tunnel-Einstieg in Rafah. Zwei weitere Soldaten wurden bei dem Vorfall verletzt, einer von ihnen lebensbedrohlich.

„Steh auf!“ Der völlig erschöpfte Reservist wird schon wieder einberufen.. © Guy Morad, Facebook

Oppositionsführer Yair Lapid erklärte, dass, sobald die jetzige Opposition an die Macht kommt, alle staatliche Leistungen für jene Haredis gekürzt oder gestrichen werden, die sich weigern, ihren Dienst in der IDF zu absolvieren. Derzeit, so Lapid, werden erneut Zehntausende Reservisten einberufen, während Zehntausende junger Haredim mit der Unterstützung von Netanyahu der Wehrpflicht entgehen. «Seit dem 7. Oktober gab es fast tausend Todesfälle bei den Sicherheitskräften, die Hälfte davon unter 21 Jahren. Was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie einberufen wurden und gekommen sind. Sie haben einen Einberufungsbefehl erhalten, und es ist ihnen nie in den Sinn gekommen, sich zu drücken oder zu verweigern. Warum werden sie erneut einberufen? Weil die IDF nicht genug Soldaten hat.» Hingegen sind von zuletzt 18.915 einberufenen Haredis nur 232 (!) angetreten. «Das Gesetz besagt, dass jeder junge Mann in Israel zum Militärdienst verpflichtet ist, und jeder, der sich nicht meldet, ist ein Krimineller. Kriminelle sollten keine Belohnung vom Staat erhalten. Ich kündige an, dass an dem Tag, an dem wir die Regierung bilden, ein einfacher Grundsatz gelten wird: Wer sich nicht zum Militärdienst meldet, erhält keinen einzigen Schekel vom Staat Israel.»

180 ehemalige hochrangige Mitarbeiter des Sicherheitsapparates und Wissenschaftler haben sich in einem Brief an Generalstabschef Eyal Zamir, GStA Gali Baharav-Miara und die GStA der IDF, Yifat Tomer-Yerushalmi, gewandt. Darin verlangen sie, die Entlassungen der Reservisten rückgängig zu machen, die öffentlich gefordert haben, den Krieg sofort zu beenden und die Geiseln zu befreien. «Die IDF darf die Äusserungen von Zivilisten, auch wenn sie Mitglieder der Reservekräfte sind, nicht zensieren, wenn diese Äusserungen nicht während des aktiven Dienstes getätigt werden», heisst es in dem Brief. «Es ist auch nicht zulässig, von ihnen zu verlangen, dass sie von einem moralischen Appell absehen, die Frage der Geiseln zu einer Priorität zu machen.»

Am Freitag gab das Büro des PM bekannt, dass Netanyahu seinen für Mittwoch bis Sonntag geplanten Besuch in Azerbaijan aufgrund des ‘engen politischen und sicherheitspolitischen Zeitplans’ sowie Entwicklungen in der Region’ verschoben hat. Er habe sich bei Präsident Ilham Aaliyev bedankt und die engen Beziehungen zwischen den zwei Staaten hervorgehoben. Was tatsächlich zur Verschiebung und vielleicht sogar kompletten Absage führte, war die Weigerung der Türkei, einen sicheren Überflug der ‘Wing of Zion’ zu bewilligen. Die alternative Flugroute über Griechenland und Bulgarien hätte die Flugzeit verdoppelt, so dass man sich dagegen entschied. Die normale Flugzeit mit der Azerbaijan Airline aber auch mit Israir Airlines beträgt zwischen Tel Aviv und Baku 3 Stunden. Das Überflugverbot gilt nur für die ‘Wing of Zion’.

Eine von den Houthi-Terroristen heute Vormittag abgeschossene Rakete konnte nicht abgefangen werden. Sie schlug auf dem weitläufigen Gelände des Flughafens Ben-Gurion ein. Sechs Personen wurden verletzt. Der gesamte Flugverkehr wurde für eine Stunde eingestellt. Die Lufthansa-Gruppe sowie andere europäische Linien stornierten sämtliche Flüge bis zum kommenden Dienstag. Warum die Versuche, die Rakete abzufangen, misslangen, wird derzeit untersucht. Sowohl das israelische System Arrow, als auch das US-amerikanische THAAD-System versagte. Benny Gantz betonte, es sei der Iran, der für den Beschuss auf Israel zur Verantwortung gezogen werden müsse und nicht ‘der Jemen’. Die israelische Regierung müsse endlich aufwachen und eine ernsthafte Antwort in Richtung Teheran schicken.

Die IDF gab bekannt, dass sie während des Wochenendes über 100 terroristische Ziele im gesamten Gazastreifen angegriffen hat. Dabei wurden Terror-Zellen, Tunnel-Infrastruktur und Gebäude, die von der palästinensischen Terror-Organisation Hamas genutzt wurden, zerstört. Während die IDF keine Zahlen von Opfern bekannt gab, sprach die Hamas von mehreren Dutzend Getöteten.

Yossi Verter bringt es in seiner Kolumne wieder einmal auf den Punkt: «Selbst diejenigen, die es zuvor nicht glauben wollten, müssen es jetzt einsehen: Solange Benjamin Netanjahu an der Macht ist, ist Israel nur einen Schritt von der nächsten Katastrophe entfernt. Es ist, als stünde das Wort „Katastrophe“ in Blut und Feuer auf der Stirn des Premierministers geschrieben.»

Ehemals war Netanyahu bekannt als der ‘selbsternannte’ Mr. Security und Mr. Economy. Heute pflastern Katastrophen seinen Weg. Die Wirtschaft, die sich sonst nach Konflikten immer schnell und kraftvoll erholte, wird Einschätzung durch Moody’s, S&P und Fitch diesmal länger brauchen. Wie es mit der Sicherheit steht, haben wir am 7. Oktober 2023 erleben müssen. Aber das war nicht der Beginn des Dramas.

2010 brannte das Carmel-Gebirge, eine dringende Untersuchungskommission gab es nicht, der Bericht des Rechnungshofes wurde ignoriert.

2021 kam es zu einer tödlichen Massenpanik am Mt. Meron, weil Sicherheitsvorgaben nicht durchgesetzt wurden. Geändert hat sich dort sicherheitstechnisch nichts, die Katastrophe kann sich jederzeit wiederholen.

In der vergangenen Woche brannte es an vielen Orten in Israel.

Verter sagt, dass Netanyahu all das nicht berührt. Eine harte Aussage. Aber die Tatsachen sprechen gegen ihn. Er hat, und das belegt nicht nur das Affidavit von Shin-Bet Chef Ronen Bar, die Zeichen an der Wand ignoriert, die Shin-Bet und der militärische Geheimdienst dorthin zeichneten.

Er hat auch das Budget für die Brandbekämpfung um US$ 60 Millionen gekürzt, um damit Geld für seine politisch überlebens-notwendigen Ultra-Orthodoxen zu haben. Denen hilft er, ihre jungen Männer von der Last des Wehrdienstes zu befreien und stattdessen ihr Leben als angeblich Torah-Lernende zu unterstützen.

Am Dienstag hatte der Meteorologische Dienst eine Karte vorgelegt, wo mit vermehrtem Risiko von Waldbränden zu rechnen sei. Da war es schon zu spät. Anfang März legte das Klimaforum einen Bericht vor, der die Brände, ihre Ursachen und die mangelnde Vorbereitung genau vorhersagte und bat um ein dringendes Treffen. Präsident Herzog orakelte: «Wenn Israel jetzt nicht handelt, werden wir diesen Sommer eine schreckliche Katastrophe erleben – Brände und schreckliche KlimaproblemeNetanyahu hatte nicht mal Zeit, zu antworten. Er war mit der, so Verter, Zerstörung der israelischen Gesellschaft beschäftigt.

Ben-Gvir, Verter nennt ihn den ‘grössten politischen Pyromanen unserer Geschichte’, ist verantwortlich für die Brandbekämpfung. Als der Sohn von Netanyahu sehr schnell ‘linke Aktivisten’ für die Brände verantwortlich machte, zog Ben-Gvir schnell nach: «Diese Erz-Terroristen müssen mit der Todesstrafe belegt werden.»

© Amos Biderman, Haaretz

Was Verter in seinem Artikel noch nicht wissen kann, dass die Reise nach Azerbaijan, die am kommenden Montag beginnen sollte, abgesagt wurde (s.o.) Seinen Kommentar dazu will ich euch nicht vorenthalten: «Das teuerste Flugzeug, das die Regierung je gekauft hat, kostet rund eine Milliarde Schekel und ist das Flugzeug des Premierministers, Wing of Zion, das zur Brandbekämpfung in seinem Familienhaus in Caesarea konzipiert wurde. Am Mittwoch wird es Netanyahu und seine Frau auf eine lange, teure und unnötige Wochenendreise nach Aserbaidschan bringen. Das Land kann brennen.» Was sagt uns das? Der Haussegen in der Villa Netanyahu in Caesarea muss ganz schön schief gehangen haben, dass sich Sara N. ein so teures Stück auf Kosten des Steuerzahlers wünschen durfte und auch bekam. Das muss natürlich jetzt weltweit präsentiert werden. Und das ist es doch mehr als angemessen, dass man aus einem Kurztrip einen Wochenend-Aufenthalt macht.

Beim alljährlichen Bibelquiz glaubte Netanyahu mit Sarah N. einen wohltemperierten Auftritt zu haben. In wohlgesetzten Worten wandte er sich an das Publikum. Er sprach von den Bränden, von den Geiseln und von den Zielen des Krieges. Mit der Priorität des Sieges, nicht der Befreiung der Geiseln! Er sprach vom 7. Oktober. Alles eingebettet in Bibelverse. Und natürlich, das Publikum ist überwiegend ultra-orthodox, ein bisschen Kabbala: ‘Oz’ (Stärke) hat den Zahlenwert 77, das Lebensjahr des Staates Israel. Er spricht von seinem Schwiegervater, seinem Sohn Avner, der den Bibelquiz vor vielen Jahren einmal gewonnen hat.

An zwei Stellen fiel ihm etwas Wesentliches nicht ein, der Name seines Sohnes Avner und der Stand der Brandermittlungen. Beide Stellen wurden aus dem offiziellen Video geschnitten. Wir dürfen noch nicht wissen, dass unser PM-Aussetzer hat. Oder dass er vielleicht gar am Beginn einer Demenz steht?!

Verter formuliert es treffend: «Diese Botschaft, die ihm und seiner Koalition der Zerstörung von Ben-Gvir und Finanzminister Bezalel Smotrich diktiert wurde, wurde nun endlich zu seiner offiziellen Politik erklärt. Das Publikum (das noch einen Moment zuvor in die Bibel vertieft war, die Quelle jüdischer Werte wie „die Befreiung von Gefangenen“ und „wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“) applaudierte begeistert.» So was Ähnliches gab es doch schon mal am 18.Februar 1943 in Berlin…

Dann hatte Sara N., der echte ‘Deep State’ Israels, ihren Auftritt. Am Vorabend von Yom HaZikaron traf sich Netanyahu mit den für die Fackelzeremonie beim Unabhängigkeitstag ausgewählten Personen. «Es gibt noch bis zu 24 lebende Geiseln in Gaza», sagte Netanyahu und wurde von Sara N. verbessert: «Weniger!» Woraufhin er sich genötigt sah festzuhalten «Deshalb sagte ich ‘bis zu’.» Wie sich die anwesenden ehemaligen Geiseln und Familien von noch in Gaza festgehaltenen Geiseln bei diesem kurzen innerehelichen Disput gefühlt haben, interessiert weder ihn noch sie.

Verter sieht als ‘Mann der Stunde’ Yair Golan, den Vorsitzenden der ‘Demokratie Partei’. Golan, ein ehemaliger Hinterbänkler, bringt sich seit Wochen immer wieder in Stellung, um eine neue, massgebliche Position in der Politik nach Netanyahu einzunehmen. Er versucht jetzt schon Bündnisse zu schmieden, um sich gegen den ehemaligen PM Naftali Bennett durchzusetzen. «Bennett hat eindeutig populistische Tendenzen, und niemand weiss, was er mit den Sitzen machen wird, die er gewinnt», sagte Golan.

Seine eigentlichen Gegner aber sieht Golan im destruktiven Duo, gegen das er derzeit den Kampf anführt. «Sara Netanyahu ist emotional instabil», sagte er, «während ihr Mann sich „wie Stalin in seinen letzten Jahren verhält – realitätsfern, paranoid, ohne Freunde, umgeben von Nobodys und Ja-Sagern oder gefährlichen Leuten.»

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Kategorien:Israel, Politik

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