Krieg in Israel – Tag 705

17. Elul 5785

Wann wer informiert wurde und wer zu welchem Zeitpunkt grünes Licht für den Angriff gab, das ist derzeit das Thema in den Diplomatenkreisen Katars, der USA und Israels. Netanyahu liess bekannt geben, dass der Angriff bereits seit Monaten geplant und vorbereitet war und nach dem Terror-Anschlag vom Vortag mehr oder weniger spontan gestartet wurde. Der Sprecher des katarischen Aussenministeriums, Majed al-Ansari, betonte, eine entsprechende Information aus den USA sei erst gekommen, als man bereits die Explosionen in Doha hören konnte. Die Trump-Administration verurteilte gestern Abend Israel dafür, die Hamas-Führer auf dem Gebiet ihres Verbündeten angegriffen zu haben, bezeichnete den Angriff an sich als gerechtfertigt. «Einseitige Bombardierungen innerhalb Katars, einem souveränen Staat und engen Verbündeten der Vereinigten Staaten, der sich sehr engagiert und mutig gemeinsam mit uns für den Frieden einsetzt, bringen weder Israel noch Amerika ihren Zielen näher. Die Beseitigung der Hamas, die vom Elend der Menschen in Gaza profitiert hat, ist ein erstrebenswertes Ziel.» Trump gab gegenüber den Kataris die Zusicherung, dass ein solcher Vorfall nicht noch einmal geschehen wird. Einige Zeit, bevor der Angriff gestartet wurde, gab Trump Israel grünes Licht. Warum er sich also Stunden später beschwert, er sei zu spät informiert worden, ist nicht verständlich.

© Moshik Gulst, Facebook

Wer tatsächlich beim Angriff der IAF eliminiert wurde, ist nach wie vor unklar. Die Hamas gab gestern folgende Namen bekannt: Himam al-Hayya, Sohn von Hamas-Führer in Gaza Khalil al-Hayya; Jihad Labad Abu Bilal, Khalil al-Hayya’s Büroleiter und drei Mitarbeiter, wahrscheinlich Leibwächter oder Berater von höheren Hamas-Mitglieder, Abdullah Abu Khalil, Muaman Abu Omar und Ahmad Abu Malek. Die Hamas wertet den Angriff als Zeichen, dass Israel nicht an einem Abkommen interessiert ist.

Je weiter der Tag voranschreitet, desto mehr schwindet die Hoffnung, dass der Angriff auf das HQ der Hamas in Doha tatsächlich die richtigen Ziele getroffen hat. Am Mittag berichtet Kanal 12, dass Israel die USA informiert habe, dass die Chancen signifikant zurückgehen. Eine anonyme Quelle gab bekannt: «Bis jetzt gibt es noch keine Anzeichen, dass die Terroristen getötet wurden. Wir hoffen es immer noch, aber der Optimismus schwindet.» Neben der wachsenden Kritik auf der internationalen Bühne mehren sich auch die kritischen Stimmen in Israel. VM Israel Katz verteidigte den Angriff und betonte, Israel werde es der Terror-Organisation nicht erlauben, irgendwo einen sicheren Hafen zu finden. Sowohl der IDF-Sonderbeauftragte für die Verhandlungen, Nitzan Alon, als auch Generalstabschef Eyal Zamir sowie ein ranghohes Mitglied des Mossad, zeigten sich unzufrieden mit dem Angriff zum jetzigen Zeitpunkt. Der Mossad hatte noch vor wenigen Tagen Katar zugesagt, dass es keinen Angriff auf die Hamas-Führung in Doha geben werde. Trump äusserte sich recht giftig: «Ich bin absolut nicht begeistert über die ganze Situation. Wir wollen die Geiseln zurückhaben. Aber wir sind nicht begeistert, wie das heute abgelaufen ist.» Neben der EU überlegt nun auch Kanada, die Beziehungen zu Israel aufgrund des Angriffs zurückzuschrauben.

Nach dem gestrigen Angriff der IAF auf ein HQ der Hamas mit zehn Kampfflugzeugen in Doha hat Katar die USA informiert, dass sie vorübergehend die Teilnahme an den Verhandlungen sistieren werden. Katar war bereits einmal aus den Verhandlungen ausgestiegen, weil sie mit dem Resultat der Gespräche unzufrieden waren. Sie waren aber auf Drängen der USA, die die Rolle Katars sehr schätzen, an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. Der katarische Emir und PM Mohammed Abdulrahman Al Thani erklärte gestern bei einem Telefonat mit Trump, der Angriff schade den Verhandlungen und damit der Freilassung der Geiseln. Israel ist vom Gegenteil überzeugt. Der Angriff sei den Verhandlungen förderlich. Gleiches hatten sie auch gehofft, nachdem sie Ismail Haniyeh im Juli und Yahyah Sinwar im Oktober 2024 getötet hatten. Eine Waffenruhe wurde aber erst im Januar 2025 erreicht. In der Nacht machte Katar eine Kehrtwendung. Auf Drängen von Trump werden sie nun doch an den Verhandlungstisch zurückkehren.

Netanyahu zeigte sich nach dem Angriff auf das HQ der Hamas in Doha siegessicher. In einer Rede anlässlich einer Veranstaltung zum 249. Jahrestag der US-amerikanischen Unabhängigkeit in der Botschaft in Jerusalem erklärte er, «dass der chirurgische und präzise israelische Luftangriff auf die ‘brutalen’ Hamas-Führer in Doha den Weg für ein unmittelbares Ende des Krieges im Gazastreifen ebnen kann. Diese Aktion kann die Tür zum Ende des Krieges im Gazastreifen öffnen.» Oder eben auch genau das Gegenteil bewirken, das werden die kommenden Tage zeigen.

Der Chef des israelischen Verhandlungsteams, Gal Hirsch, teilte den Familien von Geiseln und Vermissten mit, dass Israel mit Hochdruck daran arbeite, ihre Angehörigen zu schützen. Hirsch wird mit den Worten zitiert: «Die als ‚Hamas im Ausland’ bekannte Hamas-Führung war über einen längeren Zeitraum hinweg ein Hindernis für das Erreichen einer Einigung.»

Zahlreiche Binnen-Vertriebene aus Gaza stehen vor schier unlösbaren Problemen. Einige von ihnen mussten in den vergangenen Monaten bereits mehr als zehnmal (!) alles hinter sich lassen. Die Kosten für einen erneuten Transport können schnell US$ 1.000 kosten. Noch dazu kommt die Erschöpfung und das Ungewisse. Von der gemütlichen Wohnung oder vom Haus zu einer beengten Unterkunft in noch bewohnbaren Häusern, vom intakten Zelt zu einer Behausung aus Planen. Die Perspektive auf ein besseres Leben sinkt. In den von der IDF versprochenen sicheren Schutzräumen fehlt es noch an fast allem. Viele kehren zurück in den Norden und betonen, dort bleiben zu wollen. Trotz der Kämpfe. «Dann sterben wir eben schneller», erklärt ein Familienvater, der zurückgekommen ist. COGAT hat auf die gezielten Fehlinformationen durch die Hamas reagiert, dass es kaum noch Platz in den Schutzzonen gebe und entsprechende Luftaufnahmen mit den freien Zonen veröffentlicht.

Auch heute gab es wieder zwei Evakuierungs-Befehle. Die IDF zerstörte weitere Hochhäuser, die von der Hamas als terroristische Infrastruktur genutzt wurden. Die Frage muss gestattet sein, ob alle Hochhäuser in Gaza Hamas-Zentralen sind, die nur durch völlige Zerstörung ausser Funktion gebracht werden können? In den bereits sehr dicht bewohnten Gebäuden haben auch, wie wir in den letzten Tagen erfuhren, jeweils einige Hundert Zivilisten Schutz gefunden. Ist es wirklich nötig, sie alle gnadenlos zu vertreiben? Die IDF gab am Nachmittag bekannt, mehr al 360 (!) mehrstöckige Gebäude zerstört zu haben und plant, die Intensität der Angriffe noch zu steigern.

In den vergangenen Tagen wurden wiederholt Langstreckenraketen von den Houthi-Terroristen auf Israel abgeschossen. Heute hat Israel darauf mit dem bisher kräftigsten Erwiderungsschlag reagiert. Zehn Kampfjets warfen 30 Raketen auf 15 Ziele auf Sana’a und das al-Jawf Gebiet ab. Die IAF flog dabei einen Umweg, um den Luftraum über Saudi-Arabien zu meiden. Die Flugzeuge mussten deshalb auf dem Rückflug aufgetankt werden. Die Angriffsziele waren Militärcamps, das HQ der Propaganda-Einheit und ein Treibstofflager. Die Houthi-Terroristen gaben bekannt, dass sie die meisten der israelischen Flugzeuge zur Umkehr gezwungen hätten, bevor sie mit den Angriffen beginnen konnten. Die Bilder sprechen eine andere Sprache. Bei den Angriffen hat es 19 Tote und 118 Verletzte gegeben. Netanyahu erklärte, dass Israel die Angriffe auf die Houthis verstärkt fortsetzen wird.



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