19. Tishrei 5786
Wie sehr haben wir uns alle auf diesen Tag gefreut, ihn herbeigesehnt. Und jetzt plötzlich ist er da.

Seit gestern schweigen die Waffen in Gaza.



Der Tag, an dem die schier endlose Menschen-Kolonne im Gazastreifen wieder vom angeblich sicheren Süden in den Norden zieht.

Der Tag, an dem sich die IDF hinter eine vordefinierte Linie zurückgezogen hat. Die meisten Panzer und schweres Kriegsgerät parken ausserhalb des Gazastreifens. Viele Reservisten haben sich auf den Weg zurück in die Vorkriegsrealität begeben. Sie hoffen darauf, dass es keinen weiteren Einsatzbefehl mehr geben wird.
Dass sie wieder zurück in die Arme ihren Familien, Lebenspartnern und Freunden zurückkehren können. Dass sie jetzt wieder zurück an die Universitäten gehen können, um zu schauen, wie viele Semester sie tatsächlich verloren haben. Dass sie ihre Unternehmen wieder übernehmen können, sofern sie von Freunden und Verwandten treuhänderisch weitergeführt wurden. Dass sie wieder ganz von vorne anfangen können, wenn das Unternehmen nicht mehr existiert oder der alte Arbeitsplatz anderwärtig vergeben ist.
Dass sie ihre Beziehungen retten können. 20 % der Reservisten-Paare haben seit dem 7. Oktober überlegt, sich scheiden zu lassen.

Übermorgen sollen unsere 48 noch in Gaza festgehalten Geiseln zurück nach Israel kommen. Es sind nicht nur die Angehörigen und Freunde, die sehnsüchtig auf diesen Tag warten. Nach mehr als 700 Tagen sollen sie ihre Liebsten endlich wieder in die Arme nehmen dürfen. Oder an ihrem Sarg stehen und endlich mit der Trauer beginnen können. Mit ihnen haben wir alle, jüdische und nicht-jüdische Freunde gehofft, gebetet und sehnsüchtig gewartet. Es sollen keine lauten, sensationsheischenden Übergabe-Zeremonien sein, sondern leise und würdevolle.
Als Geste des guten Willens gegenüber Trump, der am Montagvormittag gegen 9 Uhr für wenige Stunden in Israel erwartet wird, könnte die Hamas die Freilassung der Geiseln bereits morgen einleiten. Aus israelischen Quellen wurde daraufhin erklärt, man sei bereit und könne auch mit einem vorgezogenen Termin gut klarkommen.


Der US-Sonderbeauftragte Steve Witkoff besuchte mit CENTCOM (United States Central Command) Kommandant Adm. Bradley Copper die IDF-Truppen innerhalb des Gazastreifens. Der Besuch sollte klären, ob der IDF Rückzug, wie in Phase eins festgeschrieben, abgeschlossen sei. Nach dem erfolgreichen Besuch kehrten beide vom Re’im Camp aus nach Israel zurück.
Heute trafen 200 US-Soldaten in Israel ein. Es handelt sich um Spezialisten in den Bereichen: Transport, Planung, Logistik, Sicherheit und Technik. Die Truppen werden ausserhalb von Gaza ein Koordinations-Zentrum aufbauen. Ihre Aufgabe wird es sein, die Einhaltung des Trump-Planes zu überwachen.


Roei Shalev, ein Überlebender des Musik-Festivals in Re’im überlebte das Massaker vom 7. Oktober schwer verletzt. Seine Partnerin, Mapal Adam, wurde neben ihm liegend von den Hamas-Schlächtern erschossen. Eine Woche nach dem Massaker nahm sich Roeis Mutter Raffaela das Leben. Jetzt konnte Roei sein Leiden nicht mehr ertragen und verübte ebenfalls Selbstmord. Er hinterliess eine Abschiedsnachricht auf seinem Instagram Account: «Es tut mir wirklich leid. Ich kann diesen Schmerz nicht länger ertragen. Ich brenne innerlich und kann es nicht mehr zurückhalten. Noch nie in meinem Leben habe ich solche Schmerzen und solches Leid empfunden – tief, brennend, mich von innen auffressend. Ich kann wirklich nicht mehr weitermachen. Papa, Lior und Ido – ich liebe euch mehr als alles andere auf der Welt. Es tut mir so leid. Meine Freunde in Israel und auf der ganzen Welt – ich liebe euch. Keshet, ich liebe dich. Bitte seid nicht böse auf mich. Niemand wird mich jemals verstehen, weil ihr es nicht könnt. Ich möchte nur, dass dieses Leiden ein Ende hat. Ich bin am Leben – aber innerlich bin ich schon tot. Bitte erinnert euch an das Gute in mir. Jeder, der mich kannte, weiss, dass ich immer nur Gutes wollte. Es tut mir leid.»
Roei ist einer von knapp ein hundert Überlebenden des Festivals, die durch die Auffangnetze der therapeutischen Angebote für diese Gruppe gefallen ist. In Israel besteht insgesamt noch für eine knappe Million Menschen Bedarf an posttraumatischer Betreuung.

Palästinensische Quellen berichten nur einen Tag nach dem Abzug der IDF aus Gaza von einem Zusammenbruch der Sicherheit in einigen Orten des Gazastreifens. Sowohl in Beit Lahiya als auch in Sabra, einem Stadtteil von Gaza-City, kam es zu Schusswechseln zwischen Hamas-Terroristen und lokalen palästinensischen Clans. Bei einem solchen Schusswechsel wurde der Sohn eines hochrangigen Hamas-Führers getötet. Das gesamte Gebiet eines Clans wurde von der Hamas evakuiert, während eine grosse Zahl von maskierten und schwer bewaffneten Männern im Viertel stationiert wurde. Der Chef des Clans wurde von der Hamas vor einiger Zeit hingerichtet, weil befürchtet wurde, er könne mit Israel kooperieren. Ein grossangelegter Angriff der Hamas gegen den Clan wurde in der vergangenen Woche von der IDF vereitelt, wobei 22 Mitglieder des Clans eliminiert wurden. Die militanten Clans operieren aus allen Gebieten des Gazastreifens, auch dort, wo die IDF noch stationiert ist. Ein hochrangiges Mitglied der Gruppe wurde mit den Worten zitiert: «So wie die Hamas unter Druck nachgegeben und der Freilassung der Geiseln zugestimmt hat, wird sie letztendlich auch ihre schweren Waffen aufgeben.»
Michael Milshtein, ehemaliger Leiter der Palästina-Abteilung des israelischen Militärgeheimdienstes erklärt in der NZZ von gestern, warum die Hamas auf einmal bereit ist, die Geiseln freizulassen und warum Netanyahu seine Ziele nicht erreichen konnte. Beim Lesen des Artikels fällt vor allem auf: «Es gab einen grossen Game-Changer: Sein Name ist Donald Trump. Wenn man den Trump-Plan mit jenem von Joe Biden, dem Witkoff-Plan oder der Initiative der arabischen Staaten vergleicht, fällt eines auf: Inhaltlich gibt es keine grossen Unterschiede zwischen all diesen Vorlagen. Auch die Standpunkte Benjamin Netanyahus und der Hamas haben sich nicht signifikant verändert. Aber jetzt war Donald Trump sehr daran interessiert, ein Abkommen abzuschliessen. Wir müssen ehrlich sagen, was das bedeutet: Er hat Netanyahu dazu gezwungen, ein anderes Abkommen zu unterzeichnen als jenes, das Trump und Netanyahu gemeinsam in Washington präsentiert hatten.» Ein unbedingt lesenswerter Artikel, der die Augen öffnet und nachdenklich macht.
Hinterlasse einen Kommentar