Krieg gegen Iran – Tag 202 seit dem Beginn der Kämpfe (Tag 39 bis zu den Wahlen)

7. Tishri 5787

Tashlich von Netanyahu…… © Guy Morad

Heute Abend beginnt Shabbat Tschuwa, der zwischen Rosh Hashana und Yom Kippur liegt und heuer am Sonntagabend beginnt. Tschuwa bedeutet ‘Umkehr’ oder ‘Reue’. Am Vorabend des Yom Kippur führen ultraorthodoxe Juden ein aus dem mittelalterlichen Persien des 7. Jahrhunderts stammendes Ritual aus: ‘Kapparot.’ Hierbei werden junge Hähne (für Männer) oder Hennen (für Frauen) gekauft und dreimal über den Kopf geschwungen. Dazu spricht man den Segensspruch: «Das ist mein Stellvertreter. Das ist mein Auslöser. Das ist meine Sühne. Dieses Huhn / oder dieser Hahn / geht dem Tode entgegen, ich aber gehe einem guten Leben und Frieden entgegen.» Anschliessend wird das Tier unter den Bedürftigen verteilt. Wem hier der Sündenbock oder auch der Ablasszettel in den Sinn kommt, der hat völlig recht. Man bereut nicht, man sühnt nicht, sondern man kauft sich frei. Heuer wurde ‘Kapparot’ in vielen israelischen Orten verboten. Trotzdem wird es stattfinden, ebenso wie in anderen ultraorthodoxen Gemeinden weltweit. Nur nicht mehr öffentlich, sondern im Verborgenen. 

Nach dem Nachmittagsgebet des ersten Tages von Rosh Hashana bis zum Beginn von Yom Kippur kann man ebenfalls seine Sünden loswerden. Beim ‘Taschlich’ geht man an ein Gewässer, schüttelt dort seine Kleidung aus und leert die Taschen, sodass alle Krümel als Symbol für die Sünden im Wasser verschwinden. Hier wälzen wir unsere Sünden nicht ab, sondern bitten darum, dass Gott sie uns vergeben wird.

Wie auch immer, ich wünsche euch nochmals an dieser Stelle: Gmar chatima tova!

Vor Beginn von Yom Kippur, der am Sonntagabend beginnt, wird im ganzen Land, an allen Grenzen sowie in Judäa und Samaria die Truppenpräsenz deutlich verstärkt. Aus den Überraschungen vom 7. Oktober 2023, als in der Umgebung Gazas viel zu wenige Soldaten anwesend waren, hat man gelernt. In allen Kommandozentralen werden hochrangige Offiziere im Einsatz sein. Auch die Zentralstellen des ‘Home Front Command’ werden hochrangig besetzt sein, ebenso die entsprechenden Stellen in jedem Distrikt. Auch die bewaffnete und die unbewaffnete Luftwaffe stehen in höchster Alarmbereitschaft. Vor der gesamten Küste werden verstärkt Raketen- und Patrouillenboote eingesetzt. Als Backup für den absoluten Notfall stehen Kompanien aller Streitkräfte bereit.

Hunderttausende Iraner haben sich zu einer von der Regierung organisierten Demonstration versammelt. Sie geben damit ihre Bereitschaft an, bewaffneten Widerstand zu leisten. Für die Regierung ist es ein Versuch, das Volk zu mobilisieren und die nationale Einheit zu betonen. Wirtschaftliche Einschränkungen, die durch die Seeblockade der iranischen Häfen und neue Sanktionen der USA, die Teheran noch weiter unter Druck setzen sollen, entstanden sind, haben die Situation der Zivilbevölkerung noch weiter verschlechtert. Schätzungen zur Zahl der Freiwilligen, die nach einer kurzen militärischen Ausbildung das Land verteidigen wollen, gehen weit auseinander. In den staatlichen Medien ergehen täglich Aufforderungen an die Bevölkerung, sich dieser Kampagne anzuschliessen. Die Freiwilligen würden eine zusätzliche Sicherheitsebene neben der mächtigen paramilitärischen IRGC und deren ausschliesslich aus Freiwilligen bestehendem Arm, der Basij, bilden. Derzeit nehmen mehr als 300.000 Menschen an den Demonstrationen teil. Der Chef der Revolutionsgarde in Teheran, General Hassan Hassanzadeh, erklärt, dass er mit etwa einer Million Freiwilligen rechnet.  Während der Demonstration werden vereinzelte US-amerikanische Flaggen zertrampelt und «Tod den Amerikanern» skandiert.

Im Gegensatz zu Netanyahu, der in der kommenden Woche bei der UNO-Generalversammlung seine Rede vor Ort halten darf, hoffentlich die letzte als PM, muss sich PA-Präsident Mahmoud Abbas erneut mit einer zuvor aufgenommenen Konserve begnügen. Es ist das zweite Jahr in Folge, in dem Abbas und seiner Entourage keine Visa für die USA ausgestellt wurden.152 Staaten hatten für den Ausschluss gestimmt, drei stimmten dagegen (USA, Israel und Paraguay) und vier Staaten (Kolumbien, Honduras, Panama und Peru) hatten sich enthalten. Hingegen darf der iranische Präsident mit einer verkleinerten Entourage und mit Zustimmung der USA einreisen. «Im Einklang mit unseren Verpflichtungen als Gastland wird die Kerndelegation des iranischen Regimes an der ‘Hochrangigen Woche’ der UNO-Generalversammlung teilnehmen können. Für die Delegation gelten Reisebeschränkungen, und gemäss unserer Politik wird ihr der Kauf von Luxusgütern sowie von anderen Waren untersagt. Die Delegation ist kleiner als im letzten Jahr», erklärt ein Sprecher des Aussenministeriums in einer Stellungnahme gegenüber der «Times of Israel». Welche hochrangigen Politiker Netanyahu anlässlich seiner Kurzreise treffen wird, ist noch völlig offen. Der Terminplan ist noch nicht bestätigt. Möglich wäre ein Treffen mit Marco Rubio. Trump hält sich noch sehr bedeckt. «Kann sein», war die Antwort auf die Frage nach einem Treffen. 

Trump hat Besseres zu tun. Barak Ravid von Kanal 12 und Axios melden, dass Trump erklärte, er stehe vor einer «wichtigen Entscheidung darüber, ob grossangelegte Angriffe auf den Iran wieder aufgenommen werden sollen.» Washington hingegen überlegt, wie man den Krieg halbwegs elegant beenden kann. «Ich stehe vor einer grossen Entscheidung. Will ich eingreifen und das iranische Regime vernichten, oder will ich es nicht?», sagt Trump zu Ravid in einem Telefoninterview. «Es ist eine grosse Entscheidung. Bei mir könnte alles Mögliche passieren.» Trump betonte, er werde bei seinem geplanten Treffen mit den Staatschefs von Saudi-Arabien, den VAE, Katar, Bahrain, Kuwait und Oman am Rande der UNO-GV zunächst die Position der Golfstaaten ausloten, bevor er sich entscheidet. 

Netanyahu hat mit der Likud-Partei offiziell den Wahlkampf für die Knesset-Wahlen am 27. Oktober 2026 eingeläutet. In seiner mit Spannung erwarteten Rede konzentriert er sich vor allem auf Sicherheitsfragen. Der Tenor seiner Ansprache: «Wir sind die Einzigen, die Israels Sicherheit garantieren können!» Nach seiner Aufzählung der vergangenen Militäroperationen der letzten Jahre kommt er zur Erkenntnis: «Die Mission muss vollendet werden, wir müssen das iranische Regime stürzen und die Hisbollah sowie die Hamas vollständig vernichten.» Wir erinnern uns, dass in den letzten Tagen neue Baubewilligungen für das E1-Gebiet erteilt wurden, was einer de facto Annektierung gleichkommt. Er verhöhnt seine politischen Opponenten, indem er von «territorialen Zugeständnissen» spricht, während die militärischen Einsätze der IDF der Beweis dafür sind, «dass wir Land erobern, anstatt es abzutreten». Das Ziel, Land zu erobern, zeigt sich auch klar am Vorgehen der IDF, bei dem sich derzeit bereits 70 % des Gebietes unter israelischer Kontrolle befinden, obwohl der Trump-Plan nur 53 % vorsieht.

Ein hochrangiger, nur unter dem Namen ‘Aleph’ bekannter Geheimdienstoffizier, dem eine Schlüsselrolle bei den Versäumnissen zugeschrieben wird, die zum Massaker vom 7. Oktober geführt haben, wurde nach langen Beratungen jetzt offiziell aus der IDF entlassen. Bereits im vergangenen November hatte Generalstabschef Zamir die Entlassung einiger Geheimdienstoffiziere, darunter auch ‘Aleph’, veranlasst. ‘Alpeh’ bemühte jedoch das Militärgericht und wehrte sich gegen Zamirs Entscheidung. Am 30. Juni wies das Gericht sämtliche Anträge von ‘Aleph’ zurück. Die Entlassung wurde heute rechtskräftig. ‘Aleph’ kann jedoch bei Zamir Berufung gegen das Urteil einlegen.

Netanyahu update: 

Jener bisher unbekannte Palästinenser, der offenbar Kontakte zu Yahya Sinwar hatte, hat sich in seinem Facebook-Account selbst geoutet. Es handelt sich um Sufian Abu Zaida, einen ehemaligen Minister der Fatah aus dem Gazastreifen. In seinem Video gibt er an, er sei die Quelle gewesen, die den israelischen Geheimdiensten vor dem Angriff vom 7. Oktober 2023 eine Warnung von Yahya Sinwar übermittelt habe. Er sagte, der damalige Hamas-Führer Yahya Sinwar habe beabsichtigt, ein «Erdbeben» auszulösen, falls die damals laufenden Verhandlungen mit Jerusalem über eine langfristige Vereinbarung mit der Hamas scheitern sollten.

Haaretz-Journalist Shlomi Eldar hatte geschrieben: «Eine ungenannte Quelle fungierte als Vermittler zwischen Sinwar und Israel.» (2. 8. Sept) Im gleichen Bericht wurde behauptet, dass eine weitere Warnung an PM Netanyahu durch den Präsidenten der VAE, Mohammed bin Zayed, übermittelt worden sei, dessen Berater mit demselben Vermittler in Kontakt stünde.

Abu Zaida unterhält seit Jahren regelmässigen Kontakt mit israelischen Journalisten. Er hat sein ganzes Leben in Jabalia im Gazastreifen verbracht, ist jedoch zu Beginn des Krieges aus dem Gazastreifen nach Ägypten geflohen und lebt seither in Kairo.

Abu Zaida gab mittlerweile bekannt, dass er in Kürze Einzelheiten dieser Gespräche offenlegen werde, darunter auch eine Botschaft, die er im Auftrag des damaligen Hamas-Führers Yahya Sinwar an Israel weitergeleitet habe. Bisher hatte Netanyahu vehement bestritten, dass diese Gespräche jemals stattgefunden hätten. «Ich werde auch auf die Botschaft eingehen, die … Sinwar mich gebeten hat, der israelischen Seite zu übermitteln», sagte Abu Zaida und forderte die Zuschauer auf, den ägyptischen Fernsehsender Al-Ghad einzuschalten, wo er in den kommenden Tagen ein Interview geben werde. Das politische Erdbeben dürfte, wenn Abu Zaida sich an sein Wort hält, kurz bevorstehen und Netanyahu vielleicht doch dazu veranlassen, sich aus der Politik zurückzuziehen. 



Kategorien:Israel, Politik

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