Gedanken zum Buch des Propheten Jona

10. Tshrei 5787

Ich möchte die Prophetenlesung «Jona» im Minchagebet am Nachmittag von Yom Kippur meinem lieben Freund Jonathan Friedland, s’’l, widmen. Jahr für Jahr hat er uns an Yom Kippur die Geschichte vorgelesen. Niemand anderer als er wäre fähig gewesen, das zu tun. Aus Jonathan wurde Jona, so lebendig entwickelte er die Geschichte vor uns, bis hin zum Ende, das merkwürdig offen bleibt. 

Wir haben nicht nur einmal darüber fabuliert, was wäre, wenn…… 

Jonathan, hier ist mein Versuch, die Geschichte von Jona weiterzuschreiben. (s. 11.10. 2024)

Mögen deine Seele und die Seele von Paula eingebunden sein in den Bund des Lebens und die Erinnerung an euch ein Segen sein.

Es gibt kaum eine Person in der Bibel, von deren Herkunft wir so wenig wissen wie von Jona. Wir erfahren nur, dass er der Sohn Amittais ist. Amittai? Zweimal wird sein Name erwähnt, beide Male als Vater von Jona. Und das war es auch schon. Über ihn können wir also keine Rückschlüsse auf den Sohn ziehen. Was wir wissen, ist, dass der Heimatort von Jona Gat-Hefer ist. Dieser kleine Ort liegt auf halbem Weg zwischen Megiddo und dem Kinnereth im Galil. Die Lebenszeit Jonas wird auf die Regentschaft des letzten Königs des israelitischen Nordreiches, Jerobeam II., datiert. von 781 bis 742 BCE datiert. Ninive wurde erst viel später, im Jahr 612 BCE zerstört.

Das Buch Jona wird der hellenistischen Zeit zwischen etwa 350 BCE und dem Jahr 300 BCE zugeordnet. 

Die Geschichte von Jona ist schnell erzählt. Gott befiehlt ihm, sich nach Ninive zu begeben und dort ein Strafgericht anzukündigen. Ninive ist Symbol der Grossmacht, unter deren Herrschaft Israel sich zur Zeit Jonas befindet. Ninive liegt am Ostufer des Tigris. Gott hat erfahren, dass in Ninive Bosheit und Gewalt herrschen, und er will sein Gericht über die Stadt halten. Interessant ist, dass Gott Jona den Auftrag gibt, im Ausland zu wirken, d.h. die Grenzen Israels zu überschreiten.

Jona hat aber offensichtlich keine Ambitionen, sich von Gott als Bote einsetzen zu lassen und versuchte, nach Tarschisch zu fliehen. Diese Stadt liegt an der westlichsten Küste des Mittelmeers, in der Nähe von Gibraltar, und ist damit, so scheint es ihm, weit genug von Ninive entfernt. Und vielleicht auch weit genug von Gottes Einfluss… Von Jaffa aus machte er sich mit einem Schiff auf den Weg.

Unterwegs kam ein heftiger Sturm auf, den der Kapitän des Schiffes für unüberwindbar hielt. Die Seeleute versuchten, wie damals üblich, mit dem Los herauszufinden, wer dieses Unglück verschuldet hatte. Wie zu erwarten, fiel das Los auf Jona. Jona bekannte sich schuldig, wollte sich opfern, weil er sicher war, dass das Meer sofort ruhig würde, wenn er das Schiff verlassen würde. So ging er über Bord. Prompt wurde das Meer wieder ruhig.

Während die Seeleute nun unbehelligt ihren Weg fortsetzen konnten, kam ein grosser Fisch und verschlang Jona, der drei Tage und drei Nächte in seinem Bauch verbrachte. Drei Tage und drei Nächte flehte er zu Gott. Der aber hatte einen Plan und befahl dem Fisch, Jona auszuspucken. 

Ein zweites Mal schickte er ihn nach Ninive. Diesmal fügte sich Jona sofort der Anweisung.

In Ninive angekommen, formuliert er seine Prophezeiung, die kürzeste, die wir in der prophetischen Literatur kennen: nämlich, dass Ninive in vierzig Tagen zerstört werden würde. Auf Befehl des Königs mussten alle Menschen und Tiere streng fasten; sie durften weder essen noch trinken. Der König hoffte, dass Gott, wenn er ihre ehrlichen Bemühungen sieht, von seiner Strafe absieht.

Und so war es. 

(Mehr dazu am Ende des Textes.)

Alle waren glücklich, bis auf Jona. Der schmollte und beschwerte sich darüber, dass er sich die ganze Mühe hätte ersparen können. Denn, so sagte er, er kannte Gott als gütigen Gott, der alles verzeiht. Und er ging so weit, dass er forderte, sterben zu dürfen. Warum er tatsächlich schmollte, wissen wir nicht.

Es gibt Ansätze, die sagen, er hätte dieser «gottlosen» Stadt nicht gegönnt, die Gnade Gottes zu erfahren. Oder er wollte nicht als falscher Prophet aus der Stadt gejagt werden, weil ja seine Prophezeiung nun nicht in Erfüllung ging. 

Doch Gott konnte keinen Grund finden, warum Jona ihm zürnte. Der sass in seinem Schmollwinkel vor der Stadt, baute sich ein Schattendach und wartete. Auf was? Gute Frage. Er wartete einfach. Gott liess einen Rizinusstrauch wachsen, einen wunderschönen Strauch, der Jona noch mehr Schatten spendete und seine Augen mit den roten Blüten erfreute. Doch am nächsten Tag war da der Wurm[1], der den Strauch anknabberte, sodass er verdorrte. 

Am nächsten Tag kam ein heisser Ostwind auf, der drohte, sein Hirn zu verbrennen. Wieder knurrte er und hoffte, erneut sterben zu dürfen. Er war so stur, dass er die Frage Gottes, ob er ihm wegen eines verdorrten Strauches zürnte, mit «ja» beantwortete. 

Gott gab ihm folgende Antwort: «Du zürnst wegen des Strauches, für den du nichts getan hast, der da war und wieder fortgenommen wurde. Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die grosse Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können – und ausserdem so viel Vieh?»

Wir kennen die Reaktion Jonas’ nicht, die auf diese Belehrung Gottes folgte. Ich kann mir aber vorstellen, dass er beschämt war und erst einmal in sich ging.

Die Geschichte wirft einige Fragen auf. Drei Tage und Nächte verbrachte Jona im Fisch. «Dann befahl Gott dem Fisch, Jona an Land zu speien.» Wo mag sich Jona nun befunden haben? Dass die Zeit in den Schriften kein wirklich messbares Instrument ist, haben wir immer wieder gelernt.

Er wurde irgendwo auf dem Mittelmeer auf dem Weg von Jaffa nach Tarschisch vom Fisch geschluckt. Die Distanz von Jaffa nach Gibraltar beträgt 2.271 Seemeilen. Moderne Schiffe brauchen für diese Distanz bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 10 Knoten immerhin neun Tage. Handelsschiffe segelten zu der Zeit meist in der Nähe der Küste. In Jona 1:4 lesen wir aber «Aber der Herr liess auf dem Meer einen heftigen Wind losbrechen.» Jonas Schiff wird also eher den direkten Weg über das Mittelmeer genommen haben. 

Jetzt aber wird es spannend. Wo, an welcher Stelle hat ihn der Fisch wieder ausgespuckt? Vielleicht war es in der Nähe der libanesischen Küste. In dem Fall musste Jona noch 700 km zu Fuss wandern, bis er in Ninive ankam. Ninive müssen wir uns heute als Ort innerhalb der irakischen Grossstadt Mossul vorstellen, gelegen am Tigris. 

Damals gab es den Suezkanal noch nicht. Dass der Fisch den Riesenumweg um ganz Afrika bis in den Persischen Golf geschwommen ist, ist kaum vorstellbar. Falls aber doch, dann muss er über überirdische Kräfte verfügt haben. Und davon lesen wir nichts… Immerhin wäre der Weg Persischen Golf bis nach Ninive sogar mit 900 km noch länger gewesen.

Gehen wir also davon aus, er ist an der Küste des Libanon gestrandet, hinter sich 72 ungemütliche Stunden und vor sich 700 ungemütliche km.

War es überhaupt ein Fisch, den Gott gesandt hatte, um Jona auf den richtigen Weg zurückzuführen? Der grösste Fisch der Neuzeit ist der Walhai. Das grösste jemals gemessene Exemplar hatte eine Länge von 14.5 m. Sein Lebensraum sind warme bis tropische Gewässer, das Mittelmeer mag in der Antike dazu gehört haben.

Oder war es nicht vielmehr ein Traumbild? Ich gebe es zu: Es ist eine gewagte Interpretation. Muss Jona symbolisch wieder zu seiner vorgeburtlichen Mutter zurückkehren, um nach einer dreitägigen «Nachreifung» im ‘Mutterbauch’ als plötzlich erwachsen wiedergeboren zu werden?

Immerhin machte er sich unmittelbar nach der zweiten Aufforderung Gottes, nach Ninive zu gehen, ohne weitere Diskussionen auf den Weg.  

Die Geschichte endet offen, es gibt keinen eigentlichen Schluss. Jeder Leser ist eingeladen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. 

Ich sehe Jona in Ninive sitzen, sich selbst bemitleidend und verstört. Er, der junge Mann aus dem kleinen Ort im ländlichen Galil, fühlt sich allein mitten in der grossen Stadt Ninive. Es heisst, dass man drei Tage brauchte, um sie zu durchqueren. Er muss sich dort verloren gefühlt haben. Vielleicht hat er aber auch zunächst einmal erkennen müssen, dass Gott nicht nur sein Volk Israel liebt, sondern jeden Menschen, jedes Land, das sich ihm aus vollem Herzen zuwendet.

Um ihn herum waren nur Menschen, die streng fasteten; wir wissen nicht, wie lange. Auch für ihn wird es in dieser Situation kaum etwas zu essen und zu trinken gegeben haben. Nachdem er anstrengende Wochen hinter sich hatte, war das ganz sicher keine leichte Situation zu ertragen.

Wir kennen das von Yom Kippur: Obwohl wir nur 25 Stunden fasten, freuen wir uns nach dem letzten Shofar-Ton auf das erste Gipfeli und den ersten Kaffee!

Wir wissen nicht, wie lange die Menschen sich kasteiten, wann und wie Gott sie aus ihrer Angst erlöste. Gott hat Jona seinen ursprünglichen Sturkopf schon lange verziehen. Er schickt ihm eine hübsche junge Frau, die ihm etwas zum «Fastenbrechen» bringt und, mehr noch, ihm Gesellschaft leistet. 

Lassen wir die beiden den schönen Abend in trauter Zweisamkeit geniessen. Bis zur Zerstörung der Stadt bleibt ihnen noch sehr viel Zeit; die werden erst ihre Nachfahren erleben. 

Wir lernen im Buch Jona die Kraft dessen kennen, was wir im Judentum ‘Teschuwa’, Umkehr oder Busse nennen. Was bedeutet Teschuwa? Im Talmud (Nedarim 39b) steht: „Teschuwa sei vor der eigentlichen Welt erschaffen worden.“ Das bedeutet, dass die Welt ohne diesen Baustein der Schöpfung nicht bestehen könnte. Wenn Teschuwa also so etwas essenziell Wichtiges ist, warum finden wir dann nirgends einen Hinweis darauf, wie wir sie erreichen können?

In seinem Buch ‚Der halachische Mensch‘ schreibt Rabbi J. Soloveitchik (1903-1993) einer der grössten zeitgenössischen Talmudisten: «Teschuwa ist ein aktiver Akt der Rückkehr zu Gott und seinen Mizwot. Der Einzelne erschafft in diesem Prozess ein vollkommen neues ‘Ich’.» ‚Teschuwa‘ ist also individuell; es kann keine ‚Gebrauchsanweisung‘ geben.

Ich wünsche uns allen, dass wir die Tage zwischen Rosh HaShana und Yom Kippur zur Tschuwa genutzt haben

Gmar Chatima Tova, Shana tova

Ve Shavua tov

[1] Tatsächlich enthalten Rizinus-Samen ein sehr starkes Gift, Rizin, das sogar für Terror-Anschläge benutzt wird. Es gibt nur ein Insekt, für das diese Samen nicht tödlich sind. Der nur an der Küste Israels vorkommende Nachtfalter ‘Olepa schleini’ ernährt seine Raupen ausschliesslich von der Rizinus-Pflanze. Die Raupe wird auch als ‘Jona Raupe’ oder ‘Propheten Raupe’ bezeichnet.



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