Bereshit: Bereshit 1:1-6:8

28./29. Tishrei 5787 9./10. Oktober 2026

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         17:34

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         18:49

Shabbateingang in Zürich:                                                                18:32

Shabbatausgang in Zürich:                                                               19:33

Am vergangenen Sonntag oder Mittwoch, je nachdem, ob wir in Israel oder im Ausland waren, haben wir das 5. Buch der Torah beendet und mit der Lesung des 1. Buches begonnen. Es ist der Augenblick, in dem uns die immer wieder neu beginnende Beziehung zwischen Gott und den Menschen bewusst wird: der Kreislauf ohne Anfang und ohne Ende. Dazwischen gibt es keinen Bruch; es ist ein nahtloser Übergang. 

Dieser erste Wochenabschnitt im Jahresverlauf ist der, der voll von prallem Leben ist. 

בְּרֵאשִׁית, בָּרָא אֱלֹהִים, אֵת הַשָּׁמַיִם, וְאֵת הָאָרֶץ

Bereshit bara Elohim et ha’shamajim ve et ha’aretz. Am Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde. Was dürfen wir uns vorstellen, wenn aus dem Nichts etwas Unglaubliches entsteht? 

Als Kind war ich immer wieder fasziniert, wenn ich diesen Text hörte und später auch selbst las. Natürlich hinterfragte ich in der Zeit noch nichts. Erst später fiel mir auf, dass Gottes scheinbar so perfektes Werk nach unserer modernen Erziehung und unserem Wissensstand auch ‘Ecken und Kanten’, sprich Ungereimtheiten, aufwies. Aber musste denn alles, was von Gott geschaffen wird, fehlerfrei und perfekt sein? Wir werden sehen; die Frage können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht beantworten. 

Zunächst geht auch alles gut: Licht und Dunkel am ersten Tag, der Himmel am zweiten. Land und Meer sowie Pflanzen am dritten Tag. Sonne, Mond und Sterne am vierten Tag. Die Erschaffung von schwimmenden und fliegenden Tieren am fünften Tag ist mit dem ersten Gebot verbunden: «Seid fruchtbar und vermehrt euch!» Der sechste Tag beginnt mit der Schöpfung der auf dem Land lebenden Tiere. Vers 1:26-1:31 berichtet über das, was Gott sich vielleicht als seine erste Erfolgsgeschichte vorgestellt hat: den Menschen. «Lasst uns (einen) Menschen machen, nach unserem Bildnis und uns ähnlich.» Und so geschah es: ein Mensch, geschaffen aus Erde, אָדָם – Adam. 

Als «Adam» bezeichnet ihn Gott, als «Mensch aus Erde». Ein Mensch, der gleichzeitig männlich und weiblich ist. Was bedeutet das? Nachdem man zu der Zeit, als die Thora entstand, sicher noch nicht die heute allgegenwärtige Genderdiskussion geführt hat, muss die Lösung in einem anderen Detail liegen. Schaut man ganz genau in den Text, so liest man, dass Gott an dieser Stelle von sich im Plural spricht: «Wir werden einen Menschen erschaffen.» Da der «pluralis majestatis» noch unbekannt war, muss die von Gott gewählte Form einen anderen Sinn haben. Beides zusammen kann bedeuten, dass der Mensch in seinen zwei Formen gleichwertig ist, was die gegenseitige Wertschätzung betrifft. Gegenüber Gott gibt es keinen Unterschied zwischen männlich und weiblich. Ihre Beziehung zu Gott ist geprägt von Ähnlichkeit, nicht von Gleichheit. 

Für die Menschen hat Gott gleich mehrere Gebote: «Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, macht sie euch untertan, schont sie und herrscht über alle Tiere.»

Den siebten Tag, den Shabbat, segnete er und heiligte ihn für alle Zeit. Danach ruhte er. Nicht nur Gott gestand sich zu zu ruhen. Alle Lebewesen, Einheimische und Fremde, durften ruhen. Das erste und grösste Sozialgesetz.

Und jetzt geschieht Erstaunliches. War Adam bisher ein Golem? In der rabbinischen Tradition gilt ein Golem als «unfertig». In den Sprüchen der Väter (5:10) gilt er als «ungebildeter Mensch». Ist also der Adam, der am sechsten Tag erschaffen wurde, bisher nichts anderes als eine tönerne Figur?

Oder wie kann es sein, dass in Vers 2:7 zu lesen steht: «Gott formte aus der Erde einen Menschen und blies ihm den Lebensatem ein. So wurde aus ihm ein lebendiges Wesen.»

Hier ist nur mehr die Rede von einem einzelnen Menschen. Was ist mit dem ersten Paar geschehen? In der Thora finden wir keine Antwort auf diese Frage. Nur einmal finden wir einen kleinen Hinweis: in Jesaja 34,15. «Auch Lilith, das Gespenst der Nacht, ruht hier aus.» Ist diese Lilith tatsächlich die erste weibliche Form des Menschen? Über sie gibt es nur Legenden, und die mag jeder, der interessiert ist, selbst lesen. In der modernen feministischen Literatur ist sie allgegenwärtig.

Kurz: Das erste Erfolgsmodell Gottes schien gescheitert zu sein. Doch er gibt nicht auf. Im Gegenteil. Gott schuf für den Menschen den Garten Eden. Ein wahrhaft paradiesisch zu nennendes Gebiet. Er übergibt es ihm, verbunden mit einem strikten Verbot: «Alles darfst du essen, nur von diesem Baum der Erkenntnis, was gut und böse ist, darfst du nicht essen.» Vers 2:17

In diesem Zauberland schuf Gott eine Gefährtin für Adam. Allerdings wird in dieser zweiten Schöpfungsgeschichte nicht mehr erwähnt, dass sie beide nach Gottes Bildnis und ihm ähnlich seien, auch nicht, dass beide, nun als Mann und Frau definiert, gleichberechtigt seien. Eva, aus der Rippe des Adams geschaffen, wird immer von ihm abhängig sein. Ein Zustand, der sich erst im 20. Jahrhundert langsam zu ändern begann. 

Eine Rechtfertigung für das ungleiche Menschenbild zwischen Mann und Frau, unter dem wir so lange gelitten haben, finden wir in der Szene, in der Eva, von der Schlange verführt, eine Frucht vom Baum der Erkenntnis nimmt und sie auch Adam anbietet. Dieser nimmt sie an. Man kann beide, Adam und Eva, naiv nennen. Sie haben sich dem Gebot Gottes widersetzt und müssen nun mit den Folgen leben. 

Gott vertreibt sie aus dem Garten Eden. Gut, diese Strafe ist sicher gerecht. Aber die Begründung wirkt befremdlich. Gott, der den Menschen doch in seinem Bildnis und ihm ähnlich geschaffen hatte, scheint nun an seiner eigenen Schöpfung zu zweifeln. «Er ist nun wie einer von uns geworden. Er kann zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wenn er jetzt noch vom Baum des Lebens essen würde, so würde er ewig leben.» Vers 3:22

Wir stehen wieder ganz am Anfang der Geschichte, die von ihren Anfängen bis zum Erreichen des versprochenen Landes führen wird. Als Geschenk nehmen wir mit, dass wir schon von den frühesten Tagen an entscheiden können, in welche Richtung wir uns entwickeln wollen, was wir tun und was wir nicht tun wollen. Deshalb hat Gott die Ecken und Kanten bei der Erschaffung der Welt nicht abgeschliffen. Es ist immer und in jeder Situation unsere Entscheidung, wohin wir gehen, wie wir uns verhalten. 

Gott hat immer wieder Vertrauen in uns gesetzt. Zeigen wir uns dieses Vertrauens würdig, indem wir versuchen, immer den geraden Weg zu gehen, auch wenn er manchmal der beschwerlichere ist. 

Shabbat Shalom



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