12./13. Cheschwan 5787 23./24. Oktober 2026
Shabbateingang in Jerusalem: 17:18
Shabbatausgang in Jerusalem: 18:34
Shabbateingang in Zürich: 18:06
Shabbatausgang in Zürich: 19:09

Im ersten Absatz des heutigen Wochenabschnittes lesen wir: „Ziehe weg aus dem Land“, so lautet die klare Anweisung Gottes an Abram. „Ziehe fort, lasse alles hinter dir, deine Heimat und deine Freunde.“ Es ist eine Anweisung, die schwer zu erfüllen ist und viel Mut erfordert. Abram war, das wissen wir aus dem letzten Wochenabschnitt, mit Sarai verheiratet, die als unfruchtbar gilt. Abram war an dem Tag bereits 75 Jahre alt; er war kein neugieriger Jugendlicher mehr, der nur ein kleines Bündel an Lebenserfahrung mit sich trug. Er war tief verwurzelt in seiner Heimat.
Nachdem Gott Abram aufgefordert hatte, sein Land zu verlassen, machte er sich mit Sarai, seinem Neffen Lot und all seinem Habe auf den Weg, um Gottes Aufforderung zu erfüllen. Dies war die erste von zehn Prüfungen, die Gott ihm auferlegte. Er bestand sie alle, indem er den Anweisungen, ohne zu zögern, Folge leistete. In der Mischna, Pirkei Avot, Kap. 5:4 steht zu lesen: „In zehn Prüfungen wurde Abraham erprobt, und er bestand sie alle, um zu zeigen, wie gross unseres Vaters Abrahams Liebe zu Gott war.“
Terach, sein Vater, war mit ihnen sowie seinem Enkel Lot, dem Sohn seines zweiten Sohnes, aus Ur in Chaldäa, im südlichen Mesopotamien, ausgewandert, um sich in Kanaan niederzulassen. Auf halbem Weg stirbt Terach im Alter von 205 Jahren.
An dieser Stelle hören wir auch die erste grosse Prophezeiung, die Gott ausspricht: „Ich werde dich zu einem grossen Volk machen, dich segnen und deinen Namen gross machen. Ein Segen sollst du sein.“ Wie muss das in den Ohren Abrahams geklungen haben? Wie sollte er der Stammvater eines grossen Volkes werden, wo er doch schon 75 Jahre alt war und seine Frau Sarai keine Kinder empfangen konnte? Empfand er es als Hohn? Oder fürchtete er sich vor dem, was in der Fremde auf ihn zukommen würde? Nein, Abram vertraute dem Wort Gottes und hinterfragte es nicht.
Als eine Hungersnot ausbrach, zog er mit den Seinen weiter nach Ägypten, in jenes Land, das Generationen später zum Schicksalsort seines Volkes werden sollte. Dort muss sich Abram einer weiteren schweren Prüfung unterziehen. Um nicht Gefahr zu laufen, vom Pharao getötet zu werden, weil der Sarai, die eine schöne Frau gewesen sein muss, begehrte, gab er sie, mit Einverständnis Sarais, als seine Schwester aus. Pharao machte sie zu seiner Frau, wie wir dies hier auch immer interpretieren müssen. Es muss bitter für Abram und seine Frau gewesen sein. Doch Gott half ihnen. Er schlug Pharao mit schweren Krankheiten, die dieser auf Abrams Anwesenheit zurückführte, und ihn mit Sarai aus seinem Land vertreiben liess. Wiederum durfte er erfahren, dass Gott unverbrüchlich neben ihm stand, solange er sich seinen Anweisungen und Wünschen fügte.
Seinen Weg hinaus aus seiner ursprünglichen Heimat kann man durchaus als Weg hinaus in eine unbekannte Zukunft bezeichnen. Abram wird, wie wir später erfahren, unser erster Stammvater. Es wird ihm und seinen Nachkommen nicht gelingen, ein zusammenhängendes Stammesgebiet für das ihm prophezeite Volk zu sichern. Ab dem Augenblick, in dem Gott ihn aufforderte, seine Heimat zu verlassen, begann die jüdische Diaspora. Die Zerstreuung der Juden weltweit. Sie begann nicht erst mit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 70 CE, sondern sie begann bereits in dem Augenblick, in dem der Grundstein für das jüdische Volk gelegt wurde.
Erst mit der Staatsgründung im Jahr 1948 gelang es, ein gemeinsames Heimatland für alle Juden, die dort leben wollen, zu schaffen.
Unabhängig davon, wie viele benachbarte Völker unseren Staat immer wieder bedrohten, die Geschichte wiederholt sich von Generation zu Generation. Es gab Kriege, es gab Siege, es gab Verluste, es gab Hoffnung und es gab Verzweiflung. Doch immer stand das kleine Volk stolz und unbeugsam in seinem Glauben an Gottes Verheissung auf.
Bisher haben wir es geschafft, alle inneren Bedrohungen zu bekämpfen, so wie wir die von aussen kommenden abwehren konnten. Jetzt hat sich eine Situation ergeben, die uns vielleicht seit der Staatsgründung vor die grösste Herausforderung stellt. Das moderne Israel, das sich zu einem lebendigen und demokratischen Staat entwickeln konnte, erlebt derzeit eine schwere Krise. Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 ist die Gesellschaft gespalten. Wenn wir nicht sehr, sehr vorsichtig mit unserem Land umgehen, droht es, im faschistisch-autokratischen Morast zu versinken.
Gott hat Abram das Land gezeigt und ihm erneut versprochen, es ihm und seinen Nachfahren zu eigen zu geben. In diesem Augenblick zweifelt Abram „Herr, mein Herr, woran soll ich erkennen, dass ich es zu Eigen bekomme?“ Gott liess ihn einschlafen und sagte ihm im Traum: „Deine Nachkommen werden als Fremde in einem Land wohnen, das ihnen nicht gehört. Sie werden dort als Sklaven dienen und man wird sie vierhundert Jahre lang hart behandeln. Aber auch über das Volk, dem sie als Sklaven dienen, werde ich Gericht halten und nachher werden sie [die Hebräer] mit reicher Habe ausziehen. (…) Erst die vierte Generation wird hierher zurückkehren; (…).“
Aber Gott verspricht auch, dass er immer an der Seite Abrams und seiner Nachkommen sein wird. Nach der Geburt Ismaels verspricht er ihm „Ich will einen Bund stiften zwischen mir und dir und dich sehr zahlreich machen. (…) Das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern.“ Er gibt Abram einen neuen Namen, Abraham, Vater von Vielen und ändert auch den Namen von Sarai auf Sarah.
Das grösste aller Wunder aber steht Abraham und Sarah aber noch bevor: in Jahresfrist, so verspricht ihnen Gott, werden sie einen gemeinsamen Sohn, Isaak, haben, der in den Bund mit Gott eintreten wird.
Wir können jetzt schon, noch ziemlich am Beginn der Torah erkennen, wie voll mit Leben angefüllt sie ist. Jeder Abschnitt lehrt uns etwas Neues, auch wenn wir ihn in jedem Jahr erneut lesen. Und immer wieder wird klar, wie viele Parallelen wir zwischen der Anfangszeit des jüdischen Volkes und der heutigen Zeit finden können. Wenn wir nur genau hinschauen!
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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