3. Nisan 5782
Behauptet das russische Verteidigungsministerium am 3. April 2022.
Leichen und Leichenteile säumen die Strassen von Butscha, das ist das Bild, nachdem die russischen Soldaten sich aus der Stadt, 25 km nördlich von Kiew zurückgezogen haben.
Doch anstatt sich die Menschen dort freuen können, dass die Russen abgezogen sind und dass sie überlebt haben, versinkt der Vorort von Kiew in tiefster Trauer und Schock.
Videos zeigen, dass aus Panzern heraus das Feuer auf die Autos von Zivilisten eröffnet wurde. Einige der Videos belegen, dass die ersten Angriffe bereits vom 2. März stammen. Die Leichen liegen seither auf den Strassen, neben den Autos.
Einige der Leichen sind an den Händen gefesselt. Sie wurden Opfer einer militärischen Willkür, sie hatten keine Waffen bei sich, sie stellten keine Bedrohung dar. Sie waren Väter, die laut riefen, dass sich noch Kinder in ihren Autos befanden. Mütter, die sich schützend über ihre Kinder warfen.
Etwa 280 Menschen wurden bereits hastig beigesetzt, in eigens ausgehobenen Gräben, die zu Massengräbern wurden. Die städtischen Friedhöfe lagen bis vor Kurzem in der Nähe der vom russischen Militär besetzen Stadtteile. Diese Zahl wurde von Human Rights Watch benannt.
Die Forensiker müssen nun untersuchen, welche Rückschlüsse sie ziehen können. Sie sind, wie zynisch das klingt, dankbar für jede Leiche, die nicht in einer der schnell ausgehobenen Gruben verscharrt wurde. Nur so können sie relevantes Material sammeln, um es beim Internationalen Gerichtshof vorzulegen. Erst wenn sie die tödliche Kugel auffinden, können sie mit Sicherheit sagen, wer der Todesschütze war. Oder zumindest doch, ob der Schuss aus einer russischen oder einer ukrainischen Waffe abgegeben wurde.
Und nur da kann es dann bewertet werden, was sich seit dem Beginn der russischen Invasion auf der Krim abspielt.
Nicht nur für Aussenstehende ist es nichts anderes, als eine tagtägliche Anhäufung von gezielten Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid, die von der russischen Armee auf Befehl eines kranken Mannes im Kreml vorgenommen werden. Eines Mannes, der jeden Realitätsbezug verloren hat. Je mehr er sich «in die Ecke gedrängt fühlt», desto gefährlicher wird er werden.
Gräueltaten, wie wir sie in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gekannt haben. Ist es das, was Putin vollmundig als Befreiung der ukrainischen Bevölkerung und Entnazifizierung versteht?
Putin hat von Anfang an ein falsches Bild von seinen Plänen gezeichnet. Die Erinnerung an «Heim ins Reich» taucht auf. Aber will die ukrainische Bevölkerung, die immer wieder Spielball von Russland war, «heimgeholt « werden? Das mag für die östlichen Regionen der Ukraine stimmen, die von Separatisten beherrscht werden. Diese sollen Putin als politische Morgengabe angeboten werden, falls er dem Deal zustimmt und den Irrsinn beendet. Ist das überhaupt noch vertretbar, nach den Gräueln in Butscha? Glaubt man, damit seine Seele befriedigen zu können? Das Unvorstellbare noch stoppen zu können?
Das offizielle Russland lügt. Keine einzige Meldung, die von zugelassenen russischen Medien noch nach aussen dringt, hat auch nur mehr einen Funken von Wahrheit in sich. Alles wird umgemünzt. Putin, so scheint es, wird nicht mit den Folgen seines Wahnsinns konfrontiert. Nicht er allein trägt die Schuld, nicht allein die wenigen Menschen, die noch Zugang zu ihm haben. Sie haben Angst. Würden sie ihn mit der grausamen Wahrheit konfrontieren, so wäre das mit ziemlicher Sicherheit ihr Ende. So wie Überbringer schlechter Nachrichten immer schon von Despoten umgebracht wurden.
«Sie beschießen keine Häuser. Sie beschießen keine Wohnungen. Sie beschießen keine zivilen Objekte. Sie beschießen nur militärische Infrastrukturen, und zwar im Rahmen eines der Hauptziele der Operation, der Entmilitarisierung der Ukraine.»
Sprecher von Präsident Wladimir Putin
In Syrien hat Russland seine neuen Waffensysteme entwickelt und getestet. Syrien, das Übungsfeld für Waffensysteme und weitere Kriege. Mit ihren Bomben sicherte Russland das Machtgefüge von Baschar al-Assad. Eine grauenvolle win:win Situation für zwei Despoten. Der Gewinn war Assad, der Verlierer das Volk. Tausende Zivilisten sind bisher durch russische Waffen ums Leben gekommen, der Einsatz von geächteten Waffen ist nachgewiesen.
Offiziell ging es in Syrien darum, Terror zu bekämpfen. Die Realität sieht ganz anders aus «Russland nimmt im Krieg keine Rücksicht auf Kinder, auch nicht auf Frauen, ältere Menschen. Sie bombardieren Märkte, Menschenmassen, Moscheen, Schulen, einfach alles.»
Das russische Narrativ beschuldigt die ukrainischen Soldaten als diejenigen, die die Gräueltaten an der eigenen Bevölkerung vornehmen. Der ukrainische Präsident Selenskj warnt, das Gebiet könne umfassend vermint sein. Allein im Dorf Dmytriwka wurden mehr als 1.500 Minen gefunden, erschnüffelt von Minensuchhunden.
Der Westen und vor allem Europa steht nun in der Pflicht, mehr als Lippenbekenntnisse abzugeben. Allen ist klar, dass Putin und seine Kriegsmaschinerie unter Druck gesetzt werden müssen. Sanktionen gegen Russland treffen aber auch jenen gösseren Teil der Bevölkerung, die kaum etwas davon mitbekommen, was in der Ukraine geschieht. Putin und seine Getreuen werden nicht Not leiden müssen, an ihnen prallen diese Massnahmen ab. Aber vielleicht erhebt die russische Zivilbevölkerung und wehrt sich.
Besser ist es, die Ukraine zu stärken. Nicht nur moralisch. Nicht nur, indem Präsident Selensky per Video in die Parlamente zugeschaltet wird und seine Appelle sogar bei kulturellen Grossveranstaltungen an ein grosses Publikum richten darf. Die Welt muss über den eigenen Schatten springen.
Verteidigungswaffen müssen in ausreichendem Mass geliefert werden, wenn die ukrainischen Kämpfer weiterhin die Chance haben sollen, den zahlenmässig weitaus überlegenden Angreifer in Schach zu halten. Und ihn erfolgreich hinter ihre Landesgrenzen zurückdrängen zu können.
Als US-Präsident Biden Putin als Kriegsverbrecher bezeichnete, der nicht länger an der Macht bleiben darf, kam Kritik nicht nur aus dem Ausland, sondern auch aus den eigenen Reihen.
Doch so einfach ist das leider nicht. Putin verfügt über Atomwaffen, die er in erhöhte Alarmbereitschaft gebracht hat. Im Klartext heisst das, sie befinden sich im Kampfmodus. Eingesetzt, so die offizielle Stimme aus dem Kreml, werden sie nur dann, wenn der russische Staat bedroht wird.
Das Dramatische daran ist, dass genau das nur von Putin bestimmt wird.
P.S. Ausnahmsweise gibt es keine Bilder und keine Links zu Videos.
Kategorien:Aus aller Welt
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