ב“ה
17./18. Cheschwan 5783 11./12. Nov 2022
Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 16:02
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:20
Shabbateingang in Zürich: 16:37
Shabbatausgang in Zürich: 17:42
Shabbateingang in Wien: 16:03
Shabbatausgang in Wien: 17:10

Dieser Wochenabschnitt ist so prall gefüllt mit Leben, wie wir es bisher noch nicht in den ersten Abschnitten vom ersten Buch Moses erlebt haben.
Wir dürfen Abraham und seine Frau Sara begleiten ab dem Moment, in dem sie himmlischen Besuch in Mamre begrüssen dürfen und erfahren, dass sie, die doch beide schon hochbetagt sind, einen Sohn haben werden. Wir stehen quasi neben Abraham, als er mit Gott verhandelt, als dieser Sodom zerstören will und Abraham alles tut, um das zu verhindern.
Wir erfahren erschüttert, dass die Töchter von Lot Angst haben, dass die Menschheit aussterben wird und ihren Vater verführen, um schwanger zu werden.
Wir sind glücklich mit Sara und Abraham, als ihr gesunder Sohn Isaak auf die Welt kommt und leiden mit Hagar und ihrem Sohn Ismael, bevor sich ihr Schicksal wendet und sie beide ihren Platz in der Welt finden.
Im letzten Abschnitt begleiten wir Abraham und Isaak auf den wohl schwersten Weg in ihrem gemeinsamen Leben.
Abraham hat sich mit seiner Familie in der Nähe von Be‘er Sheva niedergelassen und lebte dort für einige Zeit als geduldeter Fremder.
Gott beschliesst, Abraham erneut auf die Probe zu stellen, die härteste der zehn, mit denen er Abraham testet.„Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“ Dieser Berg entspricht dem Ort, an dem viel später Salomon den ersten Tempel in Jerusalem errichten wird. Zwischen den beiden Orten liegen 107 km. Die Bodenbeschaffenheit war schlecht und die Menschen kamen nicht schnell voran. So werden sie mehr als 20 Stunden benötigt haben, um den von Gott genannten Berg zu erreichen.
Abraham, der Gottesfürchtige, widerspricht nicht. Er macht sich an die Vorbereitungen. Wie mag er sich dabei gefühlt haben? Kann es wirklich sein, dass Gott den Befehl zu einem Mord gibt? Was bedeutet Mord in der heutigen Rechtsprechung? In der Regel werden „niedrige, nicht nachvollziehbare Beweggründe“ als Voraussetzung zu einem Mord angenommen. Beides würde in diesem speziellen Fall nicht vorliegen, Abraham führt in seiner Gottesfurcht den Befehl Gottes aus. Das wäre ein höchst moralischer und absolut nachvollziehbarer Grund für die von ihm verlangte Tat. Wir dürfen davon ausgehen, dass Gott nicht wirklich einen Mordfall, der so entgegen seinen eigenen Gesetzen steht, verlangt.
Vielleicht hilft es, diese verwirrende Szene besser zu verstehen, wenn wir einen Satz aus dem Talmud zu Hilfe nehmen. Im Text Midrasch Bamidbar Rabba 13:15 steht zu lesen: „Es gibt 70 Gesichter der Torah. Drehe sie immer wieder um, betrachte sie von allen Seiten. Du wirst jedes Einzelne dort finden.“
In dieser aktuellen Textstelle polarisiert der Text: blinder Gehorsam auf der einen und moralische Bedenken auf der anderen Seite.
Fast scheint es, als liesse sich Abraham viel Zeit, mit allem, was er zwischen dem Aufstehen vor der Abreise bis hin zum Fesseln von Isaak auf dem Opferaltar tut. Die Erzählung vermittelt nicht den Eindruck, dass er unter grossem emotionalen Druck steht. Sein bedächtiges Vorgehen könnte bedeuten, dass er vielleicht darauf wartet, dass Gott ihn stoppt. Dass die harte Prüfung zu Ende ist, bevor sie zu Ende geführt wurde. Oder dass er eine Möglichkeit bei sich entdeckt hätte, Gott zu sagen „Es geht nicht, ich kann das nicht tun!“
Warum aber hat Abraham das Opfer doch vorbereitet und die Hand gegen seinen Sohn erhoben?
Es gibt eigentlich nur eine Antwort. Er war sich sicher, dass Gott niemals verlangen würde, den Mord, hier als Brandopfer getarnt, zu fordern. Im Gegenteil, er war sicher, dass Gott die Prüfung im vielleicht letzten, aber entscheidenden Moment abbrechen würde. Und so kam es ja dann auch.
Am Beginn des Textes steht וְהָאֱלֹהִים, נִסָּה אֶת-אַבְרָהָם Elohim nissa Abrahamn, Gott prüfte Abraham.
Das Verb „prüfen“ hat die gleiche Wurzel wie das Wort für Erfahrung, ניסיון, nissajon.
Wir lernen durch Erfahrungen. Diese sind nicht immer die besten und angenehmsten, aber sie bringen uns weiter in unserem Leben.
Wir müssen uns nur immer bemühen, das Beste aus jeder neuen Erfahrung, so wie Abraham und sein Sohn Isaak, es gemacht haben, zu ziehen.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
Hinterlasse einen Kommentar