Krieg in Israel – Tag 87

20. Tevet 5784

Ilan Weiss, 50, s’’l, der bisher als vermisst galt, wurde nach neuesten Erkenntnissen beim Massaker vom 7. Oktober in seinem Heimatkibbutz Be’eri ermordet. Seine Ehefrau Shiri, 53, und ihre gemeinsame Tochter Noga, 18, waren von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt worden. Sie wurden beide im November während der Feuerpause freigelassen. 

In den kommenden Tagen werden die USA die USS Gerald Ford, ihren grössten Flugzeugträger, aus dem Mittelmeer abziehen. Das Schiff hatte zu Beginn des Krieges die Aufgabe, eine weitere Eskalation zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah zu verhindern. Der zweite Flugzeugträger, die USS Dwight Eisenhower, liegt derzeit noch im Golf von Jemen und wird dort weiterhin für die Sicherheit von Frachtschiffen vor den Angriffen der Houthi-Rebellen sorgen.

Eine pro-iranische Gruppe, der sogenannte Islamische Widerstand im Irak, hat gestern Abend die Verantwortung für eine auf Israel abgeschossene Drohne übernommen. Kurze Zeit zuvor hatte ein Kampfflugzeug bereits zwei weitere Drohen neutralisieren können, von denen unklar war, ob sie aus Syrien oder aus Jordanien gekommen waren. 

IDF-Sprecher Daniel Hagari sprach erstmals darüber, dass der Kampf im Gazastreifen sich über das ganze kommende Jahr hinziehen wird. «Wir passen die Kampfmethoden an jedes Gebiet im Gazastreifen an, ebenso wie die notwendigen Kräfte, um die Mission bestmöglich zu erfüllen. Jedes Gebiet hat andere Merkmale und andere operative Bedürfnisse.» Die IDF plane, Reservisten so schnell wie möglich heimkehren zu lassen. Einige tausend sind an den Universitäten inskribiert und sollen so rasch wie möglich ihre Studien wieder aufnehmen können. Andere müssen auch wieder in die Wirtschaft integriert werden, die unter dem Krieg schon stark gelitten hat. Mit der Entlassung der Reservisten soll bereits in dieser Woche begonnen werden. 

Die Kritik aus den eigenen Reihen der Koalition wird immer lauter. Wirtschaftsminister Nir Barkat bezeichnete es gestern als Wahnsinn, auf der einen Seite die Hamas zu bekämpfen und auf der anderen Seite Treibstoffe und materielle Hilfsmittel, er sprach nicht von Lebensmitteln, nach Gaza bringen zu lassen. Hunderte LKWs fahren sie täglich nach Gaza. Für die Hamas dienen alle Lieferungen dazu, ihr terroristisches Leben zu verlängern und sie machen es ihnen überhaupt erst möglich, gegen unsere Soldaten zu kämpfen.

Auch Finanzminister Bezalel Smotrich lehnt die Treibstofflieferungen nach Gaza strikt ab. Sein Vorschlag für den ‘Tag danach’ ist, dass Israel wieder aktiv an der Besiedlung des Gazastreifens mitmachen soll und gleichzeitig die Gazaner auffordern soll, freiwillig das Land zu verlassen. «Ich bin dafür, die Realität im Gazastreifen komplett zu ändern und eine Diskussion über die Siedlungen im Gazastreifen zu führen… Wir werden dort für eine lange Zeit regieren müssen… Wenn wir dort militärisch präsent sein wollen, müssen wir es dort auch auf zivile Weise sein.» Smotrich war 2005 schon einmal verhaftet worden, als er gegen den einseitigen Abzug Israels aus Gaza demonstriert hatte. «Bleiben die Gazaner dort, so wird das ein Nest von mehr als 2 Millionen Menschen, die den Staat Israel zerstören wollen. Wir müssen Länder finden, die gewillt sind, sie aufzunehmen.» Und die, Herr Smotrich, wirst du vergebens suchen!

Die ultra-rechte Ministerin für Siedlungen und nationale Missionen (was auch immer das heisst) Orit Strockdürfte sich gestern erst wieder über ein nettes Geldgeschenk freuen. Anstatt sich nun erst einmal ruhig zu verhalten, hat sie bei einer Kabinettsitzung mit einem hochrangigen Militäroffizier gestritten. Sie stellte das Verhalten von Kampfpiloten der IAF in Frage, die sich bei Anforderungen durch die Bodentruppen weigern würden, Angriffe zu fliegen. Der Grund für die Weigerung seien Gewissensgründe. Wie die letzten Wochen zeigten, funktionierte die Zusammenarbeit zwischen IDF und IAF sehr gut, wie auch IDF-Sprecher Daniel Hagari heute festhielt. Während Bildungsminister Yoav Kisch von einer ‘wahnhaften Frage’ sprach, insistierte Strock, dies sei ihr von ‘Zeugenaussagen vor Ort’ zugetragen worden. Generalmajor Eliezer Toledano, der bei der Sitzung anwesend war, bezeichnete ihre Frage als «schrecklich». «Die kurze Antwort ist, dass es so etwas nicht gibt» hielt er fest. Strock antwortet darauf: «Ich kann fragen, was ich will. Urteilen Sie nicht über meine Fragen.» Netanyahu rüffelte Toledano und liess ihn wissen, dass es nicht anginge, der Ministerin seine Meinung mitzuteilen, auch wenn sie vielleicht berechtigt sei.

Arbeiter in der Landwirtschaft und im Bausektor aus Thailand und den Philippinen, zählen zur grössten Gruppe von nicht israelischen Opfern des Massakers vom 7. Oktober. Einige von ihnen wurden in den Gazastreifen verschleppt, sind aber mittlerweile befreit worden und nach Hause zurückgekehrt. Auch unter den Ermordeten befanden sich sowohl Thais als auch Philippinos. Mittlerweile sind alle noch in Israel lebenden Bürger dieser beiden Staaten heimgekehrt. Sie fehlen vor allem in der Landwirtschaft, wo derzeit die Erntezeit auf dem Höhepunkt ist, Avocados, Erdbeeren, Zitrusfrüchte. Freiwillige aus Israel arbeiten, so gut es geht und es ihre eigene Zeit zulässt, bei den Bauern auf den Feldern. Derzeit wird überprüft, ob 25.000 Menschen aus Sri Lanka, 20.000 aus China, 17.000 aus Indien und 6.000 aus Moldavien ins Land geholt werden. Das Wirtschaftskommitee wird in zwei Wochen darüber diskutieren. 

Um wenige Minuten vor Mitternacht wurden überall in den Randgebieten Israel Alarme ausgelöst. Die Hamas übernahm sofort die Verantwortung für den heftigen Beschuss, der auch auf die Region Tel Aviv gerichtet war. Innerhalb von nur zwei Minuten wurden mehr als 50 Alarme ausgelöst. Mindestens 27 Raketen wurden dabei abgefeuert, 18 wurden von den Abwehrsystemen abgefangen. Ein Anführer der Izz ad-Din al-Qassam Brigade, dem bewaffneten Arm der Hamas, erklärte später, er habe M90 Raketen als Antwort auf die Massaker an ihren Zivilisten abgefeuert.

Jener Kommandant der Nukhba Brigade, der für die Massaker in Kissufim am 7. Oktober verantwortlich war, wurde in der Nacht bei einem gezielten Luftangriff eliminiert. Während der Operation schossen die Terroristen Granaten in Richtung der IDF.

Der Minister für Nationale Sicherheit, der rechtsextrem-nationalistische Ben-Gvir hat sich scheinbar eine neue Schikane für die palästinensischen Untersuchungs- und Sicherheitshäftlinge ausgedacht. Auf seinen Befehl sollten die ausgegebenen Lebensmittel drastisch reduziert und die Fleischportionen zur Gänze gestrichen werden. Warum? Seine Begründung lautet: Unsere Geiseln in Gaza bekommen auch nur ½ Pitabrot am Tag zum Essen. «Wer sich meiner Anweisung widersetzt, hat es nicht verdient, auch nur einen Tag länger im Dienst zu sein. Wir müssen, den Gefängnisdienst reformieren.»

Die Administration der Gefängnisse hingegen betonte, dass die bei den Massakern Festgenommenen bereits eine spezielle, aber den Vorschriften entsprechende Verpflegung erhalten. Ben-Gvir hatte den Vertrag der Kommissarin für die Gefängnisse, Katy Perry, die bereits im Juli angekündigt hatte, per Ende Jahr zurücktreten zu wollen, damit kommentiert, dass er sagte: «Sie macht mir das Leben leichter, wenn sie von selbst geht.» Perry hatte sich nicht mit den immer wieder ungerechtfertigterweise verschärften Haftbedingungen für palästinensische Gefangene einverstanden erklärt. Am 20. Dezember teilte sie jedoch ihren Entschluss mit, noch bis zum Ende des Krieges zur Verfügung zu stehen. Ben-Gvir lehnte ihren Entschluss ab. Stattdessen ernannte er seinen eigenen militärischen Berater, Kobi Yacovi, zu ihrem Nachfolger. Die Ernennung muss noch von der Regierung bewilligt werden. Und so liegt es wieder einmal in den Händen von Netanyahu, den gordischen Knoten zu lösen. Der darf sich aber gar nicht an diesen Diskussionen, geschweige denn Entscheidungen beteiligen, weil er selbst als Angeklagter vor Gericht steht. Das bezieht sich im Übrigen auf die Verlängerung der Amtszeit von Polizeipräsident Kobi Shabtai, die ebenfalls Ende Januar abläuft.

Die gute Nachricht: Mehr als 80.000 Dosen mit lebenswichtigen Impfstoffen für Kinder sind am 24.Dezember im Gazastreifen angekommen. Die Menge wird für geplante Impfungen für die kommenden 8 bis 14 Monate ausreichen. Abgedeckt werden gefährliche Kinderkrankheiten wie: Röteln, Polio, Masern und Mumps. Die flächendeckende Impfung gestaltet sich derzeit schwierig, da sehr viele Menschen in Zelten und anderen provisorischen Unterkünften leben. Deshalb sind laut Meldungen aus dem Gesundheitsministerium in Ramallah etwa 60.000 Babys und Kleinkinder aktuell von der medizinischen Grundversorgung abgeschnitten. 



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