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6./7. Nissan 5785 4./5. April 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 18:21
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:38
Shabbateingang in Zürich: 19:42
Shabbatausgang in Zürich: 20:48

Wir haben die Kinder Israel begleitet, als sie mit Gottes Hilfe endlich nach langen Kämpfen mit Pharao aus der Sklaverei in Ägypten fliehen konnten. Wir haben sie auf ihrer turbulenten Flucht durch das Schilfmeer begleitet, an der der Beginn ihrer Freiheit und Volkwerdung stand. Wir haben mitgelitten, als wir ihre Ängste und ihren Frust zu Beginn der Wüstenwanderung miterlebten.
Nur hatten wir bei all dem einen Vorteil: Wir wissen, dass sich am Ende alles nach Gottes vorausschauenden Plan fügt!
In den vergangenen Wochen haben wir sozusagen vom besten Logenplatz aus beobachten dürfen, wie Gott sich sein mobiles Heim vorstellt. Die Pläne sind dabei so detailliert, dass man den Mischkan heute noch problemlos nachbauen könnte. Bis hin zu den Gewändern der Priester hat er nichts dem Zufall überlassen.
Heute geht es um die Opfergaben. Akribisch genau sind die Vorschriften. Welche Sünden und Vergehen mit welchem Opfer abgegolten werden können, welche Tiere und welche anderen Opfergaben es gibt. In welcher Menge sie ausgewählt und abgewogen werden müssen. Es wird unterschieden, ob das Vergehen mit Vorsatz oder aus Versehen begangen wurde. Vorschriften über Vorschriften!
Ich kann mir vorstellen, dass den Priestern, Aaron allen voraus, der Kopf geschwirrt haben muss, sie wollten ja nichts falsch machen!
Die Opfergaben sind für uns heute irrelevant. Nachdem der zweite Tempel im Jahr 70 CE zerstört wurde und sich das jüdische Volk bis zur Staatsgründung im Jahr 1948 in die Diaspora zerstreut hatte, gelten die Vorschriften im Zusammenhang mit dem Tempel nicht mehr. An die Stelle des Opfers sind die Gebete in der Gemeinde und im Privaten getreten.
Zur Zeit der Torah wurden Gesetze von Gott an Moshe übermittelt und ab dem Moment, in dem Moshe sie empfangen hatte, galten sie.
Heutzutage gilt ein Gesetz als verbindlich für alle, wenn es im Amtsblatt veröffentlicht wurde. Es nicht gelesen zu haben, schützt nicht vor Strafe. Aber wer von uns schaut jeden Tag in das Amtsblatt, ob sich unsere Gesetzgeber etwas Neues ausgedacht haben?
Bedeutende Änderungen werden lange zuvor angekündigt, man kann darüber in den Medien lesen, es fällt schwer, sie nicht zu erfahren. Viele Gesetze sind uns auch so in Fleisch und Blut eingegangen, dass wir gar nicht mehr nachdenken müssen. Wer kennt nicht die „rechts-vor-links“ Regel im Strassenverkehr? Wer weiss nicht, dass man im Supermarkt keine Verpackung aufreissen darf, bevor man durch die Kasse gegangen ist, auch wenn der Durst oder Hunger unseres nörgelnden Kleinkindes noch so gross ist?
In einem demokratischen Staat werden Gesetze vom Gesetzgeber, der Legislative, ausgearbeitet. Nach der ersten Lesung im Parlament geht es zurück an den entsprechenden Ausschuss, der es, falls nötig, nochmals überarbeitet und dann zur zweiten und dritten Lesung wieder an das Parlament schickt. Bei professionellen Politikern sollte es kaum Einsprüche geben. Falls aber doch, hat die zweite Kammer der Volksvertretung, die auch immer befragt wird, die Möglichkeit, Einspruch zu erheben. Je bedeutender ein Gesetz ist, desto umfassender ist seine Prüfung. In Israel gibt es keine zweite Kammer. Die Überwachung neuer Gesetze auf ihre rechtliche Angemessenheit hin, übernimmt die Generalstaatsanwaltschaft. Das führt oft zu Unstimmigkeiten zwischen der Regierung und ihr.
Gesetze sind nicht nur Ballast, sie sind auch ein verlässliches Regelwerk, an das wir uns im Alltag halten können. Das Regelwerk, das uns auch das tägliche Miteinander erleichtert.
An unserem höchsten Feiertag, an Yom Kippur, auch als Versöhnungsfest bekannt, bekennen wir uns als Volk Israel kollektiv für unsere Schuld vor Gott. „Wir haben vor dir gesündigt….“ Auch wenn wir kollektiv um Vergebung und Versöhnung bitten, müssen wir uns dennoch unserer individuellen Schuld bewusst sein. Die kollektive Verantwortung steht an diesem Tag über der individuellen.
Früher war es vielleicht doch etwas einfacher. Ob wir den Sündenbock in die Wüste schickten oder ob wir je nach finanzieller Möglichkeit als Opfergabe zwischen einer Taube oder einem Stier wählten, wir konnten sicher ein, wir sind unserer Sünden ledig. Heute sind wir gezwungen, bewusster zu handeln.
Man kann nicht alle Gesetze kennen und einhalten, aber man kann, und das ist die Aufforderung an jeden ehrlichen Herzens bemüht sein, sie so gut wie möglich zu beachten.
Kommen wir zu den Sprüchen der Väter:
(4) Rabbi Shimon sagt: Drei welche an einem Tisch gesessen sind und kein Wort der Torah gesprochen haben, sind, als hätten sie von Mahlopfern der Toten gegessen, denn es ist gesagt: „Alle Tische sind voll menschenunwürdigen Auswurfs, ohne Raum“, aber drei die an einem Tisch gesessen und an ihm Worte der Torah gesprochen haben, sind, als hätten sie vom Tisch Gottes gespeist, denn es ist gesagt: „Er sprach zu mir: Dies ist der Tisch, der vor Gottes Angesicht steht.“
Im 5. Buch Moses, Vers 8.3 lesen wir: dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was vom Mund des HERRN ausgeht. Das Brot allein dient der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse, es ist das, was uns satt macht. Kommt noch ein‘ Zubrot‘ nach unserem Geschmack, sei es Butter und Käse, Olivenöl, Gewürze, Fisch oder Fleisch hinzu, dann wird aus der rein körperlichen Bedürfnisbefriedigung durchaus eine sinnliche. Die ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Bis hierher ist es vorstellbar, dass auch ein Mensch, der allein am Tisch sitzt, seine Mahlzeit geniessen kann. Rabbi Shimon spricht aber ausdrücklich von drei Personen. Warum gerade drei? Die Weisen gingen davon aus, dass sich bei einer Gruppe von jeweils drei Personen zumindest ein Rechtskundiger befand, der auch in der rabbinischen Literatur auskannte. Der also befähigt war, der Mahlzeit einen dritten Aspekt hinzuzufügen: den geistigen. Deshalb legten die Weisen auch so grossen Wert darauf, das gemeinsame Tischgebet zu sprechen, das Birkat Hamason. Erst wenn alle drei Bedürfnisse: physiologische, sinnliche und geistige bei einer Mahlzeit erfüllt werden, kann man sagen, dass sie auch den Vorstellungen Gottes entsprach.
Übrigens, mindestens drei Personen sind auch notwendig, um ein jüdisches Gericht, ein Beit Din, zusammenzurufen.
(5) Rabbi Chanina, Sohn Chaninais, sagt: Wer nachts wach ist und allein auf dem Weg ist und sein Herz dem Müssigen einräumt, versündigt sich an seiner Seele.
Wer kennt sie nicht, die nicht enden wollenden Nachtstunden, wenn man einmal nicht schlafen kann. Gedankenschlaufen, die nicht zu stoppen sind, unruhiges Hin- und Herwälzen bis hin zur Erschöpfung. Manchmal sind es auch Träume, die einen überfallen, nicht greifbar sind, egal, ob es schöne oder grässliche Bilder sind. Ähnlich ist es auch, wenn wir allein irgendwo unterwegs sind in dem Zustand, der zwischen Schlaf und Wachsein liegt. Manchmal ist das Alleinsein quälend, dann aber auch wieder wohltuend. König David schreibt im Psalm 16:8 „Ich bin in Gedanken immer bei Gott, dann steht er immer an meiner rechten Seite, sodass ich nicht wanke.“ Gott wird, davon ist David überzeugt, auch die nächtlichen Schatten von uns nehmen, wenn wir ihnen einmal anheimfallen.
(6) Rabbi Nechunja, Sohn Hakanas sagt: Wer das Joch der Torah auf sich nimmt, von dem entfernt man das Joch der Herrschaft und das Joch des bürgerlichen Lebens. Wer aber das Joch der Tora abwirft, dem legt man das Joch der Herrschaft und des bürgerlichen Lebens auf.
Die Annahme des Jochs der Torah, ‚Kol HaMitzwot‘, ist wesentliche Teil des Giur, des Übertritts zum Judentum vor dem Bet Din. Mindestens ein Jahr lang hat der Konvertit die Gebote und Verbote sowie alle anderen Vorschriften studiert, die für ein lebendiges Judentum wichtig sind.
Wir haben am Berg Sinai als Volk diese Mitzwot von Gott erhalten.
Yeshayahu Leibowitz (1903–1994), mein hochgeschätzter Religionsphilosoph, sagte: »Die Essenz des Judentums besteht im Willen der Juden, das ‚Kol HaMizwot‘ zu schultern.« Die jüdische Tradition besagt, dass jede, auch die zukünftige jüdische Seele am Sinai anwesend war. Wir verpflichten uns täglich mehrmals im Gebet ‚Höre Israel‘ dazu, die Worte Gottes, die Gesetze einzuhalten.
Sie sind Joch und Freiheit zugleich. Die Freiheit unseren Glauben und unsere Tradition ohne Beeinflussung von anderen Leben zu können.
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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