10./11. Siwan 5785 6./7. Juni 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 19:03
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:25
Shabbateingang in Zürich: 21:01
Shabbatausgang in Zürich: 22:21
ב“ה
Im Abschnitt der Woche in der Torah lesen wir in den Versen 6:24 -26 den ältesten Segen der Torah, den Priester- oder Aaronitischer Segen, den nahezu jeder kennt. Obwohl er unbestritten aus der jüdischen Liturgie stammt, hat er auch Eingang in die christlich-evangelische Liturgie als Schlusssegen am Ende jeder Messe gefunden.
Schon in den Gemeinderegeln von Qumran scheint er in leicht abgewandelter Form auf. Neue Mitglieder, die in jedem Jahr zu Shavuot in die Gemeinde aufgenommen wurden, wurden mit diesem Segensspruch gesegnet. Allerdings beinhaltet der Qumran-Segen im zweiten Satz die Bitte, der Neuankömmling möge mit „dem Verstand des Lebens erleuchtet und mit dem ewigen Wissen begnadet werden“.
Der Herr segne und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir wohlgesonnen
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden!
Gott hat Aaron aufgetragen, mit diesen Worten das Volk Israel zu segnen. Wie alles, was Gott Aaron auftrug, stand auch dieser Segen im Zusammenhang mit den Tempelopfern.
Heute gibt es keinen Tempel und deshalb auch keine Tempelopfer mehr. Die ehemals so wichtige Rolle der Priester hat aufgehört zu existieren. Orthodoxe Juden empfinden auch heute noch die Verpflichtung, das Volk Israel während der Gottesdienste, die an die Stelle der Tempelarbeit getreten sind, mit dieser Mitzwa, einer religiösen Pflicht, zu segnen.
Je nach Ausrichtung der Gemeinde ruft der Kantor oder der Rabbiner nach der Wiederholung der Amida die anwesenden Cohanim der Gemeinde auf, vor den Aron HaKodesh, den Torah-Schrank, zu treten. Die Köpfe mit dem Tallit bedeckt, beginnen sie mit dem Segensspruch „Gelobt seist du, unser Gott, König der Welt, der uns mit Aarons Heiligkeit geheiligt und uns befohlen hat, sein Volk Israel in Liebe zu segnen.“ Die Arme sind dabei auf Schulterhöhe angehoben und die Hände sind in einer speziellen Haltung, Zeichen der Cohanim, gespreizt.
Sie wiederholen Satz für Satz den Segen, den der Kantor oder Rabbiner ihnen vorspricht und die Gemeinde antwortet jeweils mit «Amen».
Besonders eindrücklich ist der Priestersegen an der Kotel, der in jedem Jahr an Pessach und Sukkot gespendet wird. Tausende Cohanim versammeln sich dort, um sich des Tempeldienstes, der ihre Aufgabe war, und dort bis zum Jahr 70 CE stattfand, zu erinnern.
Ist der Segen Teil des Tempelrituals und der Opferhandlungen? Diese Frage bewegt seit jeher die Weisen. Falls er Teil der Opferhandlungen gewesen wäre, so würde er nach der Zerstörung des Tempels obsolet gewesen sein. Also muss er einen anderen Hintergrund haben. Die Antwort finden wir im 3. Buch Moses, Vers 9:22 «Aaron öffnete seine Hände gegen das Volk und segnete sie. Nachdem er das Sündenopfer, das Ganzopfer und die Friedensopfer dargebracht hatte, stieg er hinab.»
Interpretieren wir diese Stelle richtig, so steht der Priestersegen am Ende der Opferzeremonie und bildet den Schlusspunkt. Nachdem die Opfer dargebracht wurden, darf Aaron das anwesende Volk Israel segnen, ihnen die Gnade, den Schutz und den Frieden Gottes stellvertretend im Namen Gottes geben.
Eine wunderbare Vorstellung. Die Priester lassen uns an der Liebe Gottes teilhaben. Sie, die durch ihre Tempelarbeit eine besondere Beziehung zu Gott haben, werden dazu von Gott ausdrücklich aufgefordert.
Es gibt Tendenzen, hauptsächlich in Israel, dass Frauen, die Töchter von Kohanim sind, das Recht des Priestersegens auch für sich reklamieren.
Ich weiss nicht, wie Moshe oder Aaron heutzutage mit der Genderisierung umgegangen wären. Wie hätten sie es empfunden, wenn jeder Mensch für sich hätte entscheiden können, ob er sich als männlich, weiblich oder «divers» definieren möchte. Um vielleicht nach einigen wenigen Jahren seine subjektive Definition wieder umzuwerfen und sich anders neu zu definieren. Die Zeiten sind für uns Menschen problematisch genug. Ohne, dass wir neue Probleme hinzufügen, die niemandem helfen und nur Unruhe stiften.
Ich wünsche uns allen, aber vor allem den Menschen, die für sich die uralte Frage «Wer bin ich» täglich neu definieren, dass sie pure Freude und Dankbarkeit empfinden können, die uns alle umhüllt, wenn wir den Segen in der Synagoge hören.

Kommen wir zu den Sprüchen der Väter:
(16) Rabbi Jishmael sagt: „Sei leicht einem Haupt gegenüber, bedächtig gegenüber der Jugend und nimm jeden Menschen mit Freuden auf.“
Mit dem Haupt ist hier, so interpretieren es alte Schriften und so scheint es auch logisch, wenn man es dem Jugendlichen gegenüberstellt, eine höhergestellte Person gemeint. So wie man im Hebräischen auch heute noch den Chef eines Vereins bis hinauf zum Regierungschef als ‚Kopf‘ bezeichnet. Einem solchen Kopf soll man gerne dienen. Ich kann dem zustimmen, solange der so benannte seine Aufgabe erfüllt und sich nicht der Korruption oder Vergeudung von Geldern strafbar macht. Dem Jugendlichen gegenüber sollen wir bedächtig sein. Ich verstehe die Aufforderung so, dass wir ihn in seiner Entwicklung nicht behindern und in Ruhe wachsen lassen, auch wenn es uns manchmal nicht schnell genug geht. Oder die Entwicklung in eine für uns nicht gewollte Richtung geht. Daraus ergibt sich die Entschlüsselung des dritten Satzes. Wir sollen jeden Menschen vorbehaltlos aufnehmen. Dieser Satz ist vielleicht der am schwersten zu erfüllende. Schaffen wir es, über unsere eigenen Vorbehalte zu springen und möglichst ruhig erst einmal abzuwarten, wie sich der andere entwickelt?
(17) Rabbi Akiwa sagt: „Scherz und Leichtsinn gewöhnen den Menschen an Unsittliches. Die Tradition ist Schutzzaun für die Torah. Die Steuerabgaben sind Schutzzaun. Für den Reichen sind Gelübde sein Schutzzaun für Enthaltsamkeit. Schutzzaun für Weisheit ist Schweigen.“
Rabbi Akiwa gilt als einer der grossen Lehrer des Judentums. Erst mit 40 Jahren wandte er, der eigentlich ein Schafhirte war, sich der Religion zu. Er war unter anderem ein Schüler von Hillel. Hillel vertrat, im Gegensatz zu einem anderen grossen Lehrer seiner Zeit, Rabbi Schammai, die sanftere, weichere und nachgiebigere Seite des Judentums. Diese Ansicht findet man auch in seinen Schriften. Wir finden sie auch hier, wenn er vor ‚Lachen und Leichtsinn‘ warnt. Heute würden Jugendliche von ‚chillen‘ sprechen, dem bewussten sinnentleerten Nichtstun. Natürlich meint Akiwa nicht wirklich das ‚Unsittliche‘, sondern er meint alles, was uns von der Auseinandersetzung mit wertvollem Tun abhält. Die Tradition, mit der wir schon als Kinder konfrontiert wurden, hilft uns, uns innerhalb der alten Strukturen zu positionieren. Der hier angesprochene Zehnte war zur Zeit Akiwas die Abgabe an die Leviten. Die gibt es seit der Zerstörung des Tempels nicht mehr. Wohl aber sieht er beim Reichen den verantwortungsvollen Umgang mit seinem Geld. Nicht dem Wahn anheim zu fallen, dass ‚Geld allein glücklich macht‘. Dass der Ausdruck der Weisheit das Schweigen ist, das kennen wir alle.
Aber ist Rabbi Akiwa wirklich ein so lebens- und genussentfemdeter Mensch? Nein, das war er absolut nicht. An anderer Stelle sagte er, dass das Lachen, das in einem tiefempfundenen Humor entstanden ist, etwas Wunderbares ist, vor allem, wenn man es mit anderen teilt. Nur wenn es einen anderen kränkt oder aus dem Nichts entsteht, dann ist es zu vermeiden.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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