Dwarim, Vaetchanan 3:23 -7:11

14./15. Aw 5785                                                              8./9. August 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:50

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:08

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:31

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:39

ב“ה

In diesem zweiten Teil seiner grossen rückblickenden Rede erzählt Moshe, dass er einmal, nur einmal Gott angefleht hat, die Strafe, die Gott für ihn vorgesehen hatte, abzuwenden. Bisher hat er alles schweigend akzeptiert. Doch das, was Gott jetzt für ihn vorgesehen hat, trifft ihn zutiefst. Er darf nicht in das ihnen versprochene Land ziehen und musste den Führungsstab an Jehoshua weitergeben, der neben Kalev der letzte Überlebende aus der Zeit der Sklaverei in Ägypten ist. Doch Gott sagte: «Genug, fahre nicht fort, darüber mit mir zu reden.»

So, wie Kinder einen kurzen Blick auf ein Geschenk erhaschen dürfen, bevor sie es erhalten, so erging es Moshe. Gott wies ihn an, auf den Berg Pisgah hinaufzusteigen. Dort oben solle er rundum schauen und so einen kurzen Blick auf das gesamte Land werfen.

Als einen der letzten Lagerplätze vor der Überquerung des Jordans lagerten die Israeliten in Beit Peor, in Moab, am nördlichen Ende des Toten Meeres. Der Blick von dort geht über den Jordangraben bis nach Jericho, Ramallah, Hebron und Jerusalem.

Es folgt die Wiederholung der Rechtsvorschriften, wobei Moshe nochmals darauf hinweist, dass niemand etwas von «ihnen wegnehmen oder etwas hinzufügen darf». Sie sind also, wie das Wort sagt, für alle Zeiten eingemeisselt in Stein. Von Generation zu Generation. So wie wir im Morgengebet sprechen: «le’ dor va’dor – לדור ודור“ (Psalm 146:10). Die Rechtsvorschriften, die in jeder Generation das Rückgrat der Gesetzgebung sind.

Erstmals haben wir die zehn Gebote gelesen, als Gott sie Moshe auf zwei Tafeln mitgegeben hatte. Als Moshe sie, wahrscheinlich erschöpft, aber glücklich, vor das Volk bringen wollte, sah er, dass sie in der Zwischenzeit ein ‚Goldenes Kalb‘ gebaut hatten, dem sie huldigten. Gebaut mit dem Gold, das die Ägypterinnen ihnen vor der Flucht mitgegeben hatten. Nichts auf der Welt geschieht ohne Gottes Plan. War es schon damals sein Plan, dass die Israeliten von ihm abfallen mussten, um dann umso gefestigter aus dem Dunkel hervorzutreten?

Moshe war jedenfalls berechtigterweise wütend. Gott erfüllte ihm seinen Wunsch nach einer zweiten Auflage der Tafeln. Allerdings diesmal nicht mehr von ihm selbst geschrieben, sondern von Moshe nach seinem, Gottes Diktat. Unmittelbar nach den grundlegenden Shabbatgesetzen ist die Vorschrift, die Eltern zu ehren, aufgeführt. Schon das zeigt die Bedeutung dieser Vorschrift.

Hier lesen wir in Vers 5:16:Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat, damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“ Die Belohnung für das Wohlverhalten, verspricht Gott nicht erst für die unbestimmte, ferne Zukunft, sondern bereits für die Zeit des Aufenthaltes auf der Erde: „und es dir gut geht“ Es ist nicht nur eine, sondern eine doppelte Belohnung, die Gott verspricht, ein langes Leben und ein gutes Leben. Ein gutes Leben beinhaltet aber auch ein gesundes Leben. Heisst das, dass derjenige, der die Eltern ehrt, sich auch über ewige Gesundheit freuen darf? Das wäre schön, ist aber absolut realitätsfremd. Oder der Umkehrschluss: hat der, der schwer erkrankt, die Eltern nicht geehrt? Das ist ebenso realitätsfremd wie unvorstellbar. Das wollen wir uns erst gar nicht vorstellen. Denn dann würde unser Bild vom gerechten Gott schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Es ist in der heutigen Zeit nicht immer einfach, sich so um die Eltern zu kümmern, wie man es entsprechend der Torah sollte und wohl auch gerne tun würde.

Im Talmud, Kiddushin 30b ff, lesen wir: Drei Teilhaber sind an der Erschaffung des Menschen: der Ewige, sein Vater und seine Mutter. Wenn der Mensch seinen Vater und seine Mutter ehrt, so spricht der Ewige: Ich rechne es ihnen an, als würde ich unter ihnen wohnen und sie mich geehrt haben.“

Ein wunderbarer Denkansatz, den zu verfolgen uns liebe Pflicht sein sollte.

Kommen wir nun zu den Sprüchen der Väter:

(23) Rabbi Shimon, Sohn Elasars sagt: Versuche nicht, deinen Nächsten zu besänftigen im Augenblick seines Zornes, (…), nicht zur Lösung seines Gelöbnisses veranlassen im Augenblick seines Gelobens, und bemühe dich nicht, ihn zu sehen, im Augenblick seiner Erniedrigung.

(24) Shmuel der Jüngere sagt: Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, wenn er strauchelt, frohlocke dein Herz nicht. Gott würde es sehen und es würde ihm missfallen und er würde von ihm seinen Zorn zurückziehen und ihn dir anlasten.

Das kennen wir doch, jemand hat sich über irgendetwas furchtbar aufgeregt. So gut man es auch in diesem Moment meint, jeder Versuch, den innerlich Zerrissenen zu trösten oder ihm gar zu sagen, dass doch alles nicht so schlimm ist, wird alles nur noch schlimmer machen. Es kann sogar sein, dass er uns entgegenwirft „Ich will mich aber jetzt ärgern!“ Wenn er, und das kommt gar nicht so selten vor, ein kleiner Knirps ist, dann kann es sogar geschehen, dass wir uns nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen können. Und was passiert dann? Oje, grosses Drama: „Du nimmst mich nicht ernst!“ Oder es ist ein älterer Mensch, der vielleicht unter dem Beginn einer Demenz leidet. In dem Stadium wird er vielleicht oft gereizt sein, Fehler machen, Unsicherheiten zeigen. Das, was wir dann unter keinen Umständen tun dürfen, ist, es ihn spüren zu lassen. Leider ist es in einer solchen Situation unglaublich schwer, die richtigen Worte zu finden, die heutige Parasha spricht von diesem Thema. So wie wir als Kinder erwartet haben, ernst genommen, dürfen auch unsere Eltern von uns erwarten, ernst genommen zu werden. Wir dürfen nicht ungeduldig sein mit ihnen. Und natürlich gilt all das auch für Freunde.!

Vielleicht kennt der eine oder andere noch die herrliche Geschichte von Astrid Lindgren: „Pelle zieht aus“. Pelle fühlt sich ungerecht behandelt und beschliesst in seinem Zorn aus der Wohnung der Eltern in den Gartenschuppen zu ziehen. Seine Mutter versucht, ihn zum Bleiben zu überreden, aber er verspricht sich selbst, seinen Auszug konsequent durchzuziehen. Die Zeit im Schuppen scheint im viel zu lang zu werden. Er geht unter dem Vorwand, die Post umzubestellen, in die Wohnung. Tatsächlich will er sehen, ob die Mutter angemessen um sein Fortgehen trauert. Seine Mutter, eine kluge Frau, sagt, dass sie beide weinen werden, wenn der Vater heimkommt und erfährt, dass sein geliebter Sohn fortgegangen ist. Pelle bekommt Mitleid mit seinen Eltern, bricht selbst in Tränen aus und verzeiht ihnen. Wenn doch alles so einfach wäre!

 Shabbat Shalom!



Kategorien:Religion

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar