Universität Potsdam

Sommersemester 2025

Studiengang: Politik, Verwaltung & Organisation

Seminar: Krieg und Frieden im Judentum

Dozent: Dr. Walter Homolka

Verfasser: Fiona Mathewson

Abgabedatum: 15. März 2026

Der moralische Anspruch der IDF im Licht von Walter Homolkas Darstellung von Krieg und Frieden im Judentum

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG ………………………………………………………………………………………………………………….. 3

2. KRIEG UND FRIEDEN IM JUDENTUM ………………………………………………………………………………………………………………….. 4

3. SELBSTBILD DER IDF ………………………………………………………………………………………………………………….. 5

4. EINORDNUNG UND GRENZEN ………………………………………………………………………………………………………………….. 7

5. FAZIT ……………………………………………………………………………………………………… 9

LITERATURVERZEICHNIS ………………………………………………………………………………………………………………… 11

1. Einleitung

Die Frage, was eine „moralische Armee“ eigentlich ist, klingt erst einmal sehr theoretisch. Für mich ist sie das aber nicht mehr. Während meines Auslandssemesters in Israel habe ich erlebt, wie präsent Sicherheit dort im Alltag ist. Man fährt Bus, man steht an Bahnhöfen, man spricht mit Menschen, und immer ist im Hintergrund die Frage mit da, was Schutz, Gefahr und Verantwortung konkret bedeuten. Genau deshalb wollte ich mich mit dem moralischen Anspruch der israelischen Armee (IDF) beschäftigen. Mich interessiert nicht nur, ob die IDF sich als moralisch beschreibt, sondern auch, woran sich dieser Anspruch eigentlich messen lassen kann.

Als Grundlage eignet sich dafür Walter Homolkas Buch „Krieg und Frieden im Judentum“ besonders gut. Homolka macht schon zu Beginn deutlich, dass die Darstellung von „schalom“ die „zentrale Bedeutung des Friedens für das jüdische Denken“ belegen kann.1 Damit ist sofort klar: Im Judentum ist Frieden nicht bloß ein netter Zusatz, sondern ein Maßstab. 

Gleichzeitig blendet Homolka die Wirklichkeit Israels nicht aus und schreibt etwa ausdrücklich, dass sich mit der Staatsgründung 1948 die Situation „radikal verändert“ habe, weil die israelische Armee seitdem Garant für Sicherheit und Existenz des jüdischen Staates geworden sei.2 So entsteht genau die Spannung, um die es auch hier geht. Meine Leitfrage lautet deshalb nicht, ob die IDF insgesamt und für alle Zeiten eine moralische Armee ist. Das wäre für eine kurze Hausarbeit viel zu groß. Ich frage stattdessen, wie sich der moralische Anspruch der IDF begründet und wie sich dieser mit Walter Homolkas Darstellung jüdischer Vorstellungen von Krieg und Frieden verstehen lässt. Zur Beantwortung ziehe ich neben Homolka die offizielle IDF-Seite „The Spiritof the IDF“, einen Artikel von Amos Harel und ergänzend einen älteren Text von Ze’ev Schiff heran.

1 Walter Homolka, Krieg und Frieden im Judentum, Ostfildern 2025, S. 10.

2 Ebd., S. 9.

2. Krieg und Frieden im Judentum

Der vielleicht wichtigste Punkt bei Homolka ist, dass Frieden im Judentum mehr bedeutet als die bloße Abwesenheit von Krieg. Er beschreibt „schalom“ als einen Zustand von „allseitigen, umfassenden Wohlergehens“, der Leben überhaupt erst ermöglicht und fördert.3 Wenige Seiten später fasst er den Begriff noch weiter: Gemeint seien „Ganzheit“, „Unversehrtheit“, „Vollendung“ und „Heilsein“.4 Frieden ist also nicht nur militärisch gemeint. Er hat auch eine soziale, politische, religiöse und menschliche Dimension. Und wenn Frieden so umfassend gedacht wird, dann kann Gewalt nie etwas Selbstverständliches sein. Sie muss begründet werden. Homolka zeigt außerdem, dass die jüdische Tradition kein einfaches Schwarz-Weiß-Schema kennt. Einerseits gibt es die starke prophetische Friedenshoffnung, andererseits gab und gibt es die Notwendigkeit, die eigene Existenz und die Gemeinschaft zu schützen. Das Judentum ist bei ihm daher weder reiner Pazifismus noch eine Tradition, die Krieg einfach normalisiert. Vielmehr bleibt die Spannung zwischen Friedensliebe und Selbstverteidigung weiter bestehen.5 Wichtig ist dabei aber auch, dass Homolka die Grenzen legitimer Gewalt sehr ernst nimmt. Besonders deutlich wird das in seiner Aufnahme eines Gedankens vom Rabbiner Reuven Kimelman. Dort heißt es: „Ein gerechter Krieg rechtfertigt keine ungerechten Handlungen.“6 Genau dieser Satz bringt für mich den Kern auf den Punkt. Selbst wenn ein Krieg oder  militärisches Handeln aus Sicht eines Staates begründet erscheint, folgt daraus nicht, dass alles erlaubt wäre. Moralische Grenzen verschwinden nicht einfach im Namen der Sicherheit. Gleichzeitig ist Homolka aber auch nicht naiv und schreibt nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023: „Kein Frieden ohne Sicherheit!“7 Diese Spannung zieht sich durch das ganze Buch.

3 Ebd., S. 31.

4 Ebd., S. 32.

5 Vgl. ebd., S. 126-128.

6 Ebd., S. 125.

7 Ebd., S. 1

Israel muss sich verteidigen können. Gleichzeitig wird deutlich, dass daraus kein Freibrief für Gewalt wird. Schutz und Sicherheit sind wichtig, aber sie heben moralische Grenzen eben nicht auf. Bevor die IDF selbst in den Blick kommt, lohnt sich deshalb ein kurzer Blick auf jüdische Grundgedanken. Krieg und Frieden sind im Judentum nicht nur politische, sondern auch ethische Fragen. Mit schalom ist mehr gemeint als Waffenstillstand, nämlich ein gerechtes und sicheres Zusammenleben. Gleichzeitig hat der Schutz menschlichen Lebens ein hohes Gewicht, gerade nach den russischen Pogromen und den Erfahrungen der Schoah. Das macht verständlich, warum Selbstverteidigung nicht einfach ausgeschlossen ist. Trotzdem bleibt Gewalt auch dann begrenzt, wenn sie als notwendig erscheint. Entscheidend ist also nicht nur der Zweck, also Schutz und Sicherheit, sondern auch die Art, wie dieser Schutz durchgesetzt wird.

3. Selbstbild der IDF

Wenn man wissen will, wie die IDF sich selbst versteht, hilft ein Blick auf den offiziellen Ethikkodex der IDF. Dort formuliert die Armee ihren Auftrag nämlich sehr klar: „Defense is our mission – security is our goal.“8 Schon dieser Satz zeigt, worauf alles ausgerichtet ist. Die IDF versteht sich zuerst als Verteidigungsarmee. Es geht in ihrer eigenen Sprache nicht um Eroberung oder Expansion, sondern um Schutz. Auch die Grundwerte, die auf der Seite genannt werden, sind aufschlussreich. Dort ist von „Defense of the State of Israel and its residents“, von „Human Dignity“ und von „Statehood“ die Rede.9 Besonders auffällig ist, dass sich darunter nicht nur militärische Begriffe finden. So betont die IDF ausdrücklich, dass jeder Mensch einen inhärenten Wert habe, unabhängig von „ethnicity, religion, nationality, gender or status“.10 Damit formuliert sie einen allgemeinen moralischen Anspruch, der über das bloße Eigeninteresse hinausweist.

8 Israel Defense Forces, The Spirit of the Israel Defense Forces: What Guides Us, https://www.idf.il/en/mini-sites/our-mission-our-values/ (letzter Zugriff: 15.03.2026).

9 Ebd.10 Ebd.

Am deutlichsten wird das im Prinzip der „Purity of Arms“. Dort heißt es, ein IDF-Soldat dürfe seine Macht oder Waffe nur einsetzen, „in order to fulfill their mission and only when necessary“.11 Noch wichtiger ist der folgende Satz: Man dürfe Waffen und Macht nicht einsetzen, um „uninvolved civilians and prisoners“ zu schädigen, und solle alles in der eigenen Macht Stehende tun, um Schaden an Leben, Körper, Würde und Eigentum zu verhindern.12 Dazu kommt der Wert „Human Life“, nach dem Soldatinnen und Soldaten die „critical importance of human life“ anerkennen und sich „safe and measured“ verhalten sollen.13 Damit formuliert die IDF selbst einen hohen moralischen Maßstab. Sie beschreibt sich nicht nur als effektiv oder stark, sondern als an Werte gebunden. Gerade deshalb lohnt sich der Vergleich mit Homolka. Denn auch bei Homolka geht es ja darum, dass Selbstverteidigung möglich sein kann, Gewalt aber nicht grenzenlos werden darf. Das IDF-Prinzip der Zurückhaltung klingt also zunächst anschlussfähig an eine jüdische Friedensethik, die Schutz ernst nimmt, aber das Leben Unbeteiligter ebenfalls schützt. Ergänzend hilft hier der ältere Aufsatz von Ze’ev Schiff, weil er erklärt, aus welcher sicherheitspolitischen Logik die IDF historisch überhaupt entstanden ist. Schiff beschreibt sehr deutlich, dass Israels militärische Grundsituation von Anfang an von drei Faktoren geprägt war: der kleinen Größe des Landes, der fehlenden strategischen Tiefe und der Erfahrung, dass ein verlorener Krieg die Existenz des Staates gefährden könnte.14 Vor diesem Hintergrund formuliert er den Satz: „The IDF’s overall strategy was basically defensive, but on the operational level, it was based primarily on offense.“15 Das erklärt, warum sich die IDF zwar als Verteidigungsarmee versteht, praktische Sicherheitspolitik aber dennoch früh mit offensiven, präemptiven oder präventiven Schlägen verbunden war.16

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ze’ev Schiff, „Fifty Years of Israeli Security: The Central Role of the Defense System“, in: Middle East

Journal 53 (1999), H. 3, S. 434–442, hier S. 436.

15 Ebd., S. 437.

16 Vgl. ebd.

Dieser Punkt zeigt, dass zwischen Selbstbild und militärischer Praxis schon historisch eine Spannung liegt. Wenn wegen der räumlichen Nähe zu anderen Ländern versucht wird, Kämpfe. sofort auf die andere Seite der Grenze zu verlagern und einen schnellen Sieg zu erzwingen, dann verschwimmt die Grenze zwischen rein defensiver Haltung und offensivem Handeln.17 Schiff beschreibt, dass etwa genau dieses Denken hinter den Entscheidungen zu Beginn des Sinai-Feldzugs 1956 und des Sechstagekriegs 1967 stand.18 Das ist kein Gegenbeweis gegen die moralische Sprache der IDF, macht aber deutlich, dass diese Sprache immer in einer sehr konkreten israelischen Sicherheitslogik steht. Trotzdem sollte man vorsichtig bleiben. Ein Ethikkodex ist zunächst einmal ein Anspruch. Er zeigt, wie eine Institution sich selbst sehen möchte. Ob dieser Anspruch in der Realität eingelöst wird, ist noch einmal eine andere Frage.

4. Einordnung und Grenzen

Amos Harel beschreibt in seinem Artikel „Israel’s Evolving Military“, wie sehr sich die Lage der IDF in den letzten Jahren verändert hat. Israel sieht sich heute nicht mehr nur klassischen staatlichen Armeen gegenüber, sondern immer stärker asymmetrischen Gegnern wie der Hamas oder Hisbollah.19 Diese Akteure agieren nicht in klaren Fronten, sondern häufig aus dicht besiedelten Gebieten heraus. Für die IDF entsteht dadurch ein Dilemma, das vor allen Dingen im Gaza-Krieg diskutiert wurde und Harel sehr deutlich benennt: Reagiert Israel militärisch, trifft es schnell auch Zivilistinnen und Zivilisten.20 Besonders eindrücklich ist seine Beschreibung der Lage im Norden Israels. Sollte etwa die Hisbollah massiv Raketen auf Israel abschießen, würde die Regierung unter enormen Druck geraten, diese Angriffe schnell zu stoppen. Gleichzeitig, so Harel, habe Hisbollah ihre Basen in dicht besiedelten Gebieten errichtet, weshalb die IDF in einem solchen Gegenschlags-Szenario wahrscheinlich viele libanesische Zivilisten treffen würde.21 Für Gaza beschreibt er ein ähnliches Problem.

17 Vgl. ebd.

18 Ebd. 43-44.

20 Vgl. ebd., S. 45.

21 Ebd.

19 Amos Harel, „Israel’s Evolving Military: The IDF Adapts to New Threats“, in: Foreign Affairs 95 (2016), H. 4, S.7 

Der Gegner, also die Terrororganisation Hamas, lässt sich nicht klar von der Zivilbevölkerung, und militärische Reaktionen sind deshalb moralisch besonders heikel.22 Deutlich wird hier außerdem, dass die Spannung zwischen Verteidigung und politischer Realität nicht erst mit den neueren asymmetrischen Konflikten beginnt. Schon nach 1967, so schreibt er, fand sich die IDF in der Rolle wieder, „ruling other people, the Palestinians“.23 Damit verschob sich bereits damals die Funktion der Armee: Aus der Verteidigung des Staates wurde zugleich Kontrolle über ein anderes Territorium und dessen Bevölkerung.24 Ich finde, dass dieser Punkt sehr gut erklärt, warum die Frage nach einer „moralischen Armee“ in Israel so aufgeladen ist. Es geht eben nicht nur um klassische Selbstverteidigung, sondern auch um die moralischen Folgen von Kontrolle und langanhaltender militärischer Präsenz, etwa wie aktuell auch diskutiert, im Westjordanland. Gerade hier lohnt sich eine Einordnung Homolkas. Sein Maßstab ist streng genug, um nicht jede militärische Handlung automatisch zu entschuldigen. Wenn Frieden das Ziel bleibt, dann reicht der Verweis auf Selbstverteidigung allein nicht aus. Dann muss immer wieder neu gefragt werden, ob die Mittel wirklich verhältnismäßig sind und ob der Schutz des eigenen Lebens stillschweigend auf Kosten des Lebens der anderen erkauft wird. Das ist keine einfache Frage, und sie lässt sich auch nicht bequem beantworten. Aber genau deshalb ist die Formel von der „moralischen Armee“ auch nicht harmlos. Sie ist eben nur dann überzeugend, wenn die moralischen Grenzen auch dann ernst genommen werden,wenn es am schwersten ist. Harel zeigt außerdem, dass diese Debatte nicht nur von außen geführt wird, sondern mitten in Israel selbst. Er schreibt, dass viele Israelis in den letzten Jahrzehnten skeptischer gegenüber militärischen Einsätzen geworden seien und sich zugleich unwohler mit zivilen Opfern auf der Gegenseite fühlten, auch aus Sorge um die internationale Stellung des Landes.25 Israel sei gewissermaßen „post-heroic“ geworden, also weniger bereit, das Leben der eigenen jungen Menschen in Kriegen zu riskieren, die nicht von allen als absolut notwendig angesehen werden.26 

22 Vgl. ebd., S. 46.

23 Ze’ev Schiff, „Fifty Years of Israeli Security: The Central Role of the Defense System“, in: Middle East Journal

53 (1999), H. 3, S. 434–442, hier S. 438.

24 Vgl. ebd., S. 438-439.

25 Amos Harel, „Israel’s Evolving Military: The IDF Adapts to New Threats“, in: Foreign Affairs 95 (2016), H. 4, S.

43–50, hier S. 49.

26 Vgl. ebd., S. 49.

Diese Beobachtung fand ich spannend, weil sie auch zeigt, die ethische Frage in Israel keine rein akademische Frage ist. Noch deutlicher wird das am Streit über die Einsatzregeln. Harel berichtet, dass etwa Generalstabschef Gadi Eisenkot darauf bestand, die rules of engagement einzuhalten, „in order to avoid unnecessary deaths“, und dafür heftig kritisiert wurde.27 Kurz darauf eskalierte die Debatte nach dem Fall eines Soldaten, der einen bereits am Boden liegenden palästinensischen Angreifer erschoss.28 Schon innerhalb Israels ist also umkämpft, was militärische Moral praktisch bedeutet. Es geht nicht nur um Kritik von außen, sondern um eine sehr reale innere Auseinandersetzung im eigenen Land darüber, wo Härte aufhört und wo Verantwortung beginnt.

Wenn ich Homolka, den IDF-Ethikkodex, Harel und Schiff zusammenlese, komme ich zu einem gemischten Ergebnis. Der moralische Anspruch der IDF ist nicht einfach leer. Er knüpft durchaus an Traditionen an, in denen Selbstschutz und Begrenzung von Gewalt zusammengehören. Gleichzeitig wird aber sichtbar, wie schwer sich dieser Anspruch in der Realität einlösen lässt. Schiff zeigt, dass selbst die defensive Grundhaltung Israels historisch mit offensiver Operationslogik verbunden war, und Harel macht deutlich, wie stark zivile Räume und militärische Ziele in heutigen Konflikten ineinander fallen.

29 Gerade dann zeigt sich, ob das Ideal der „Purity of Arms“ wirklich gelebt wird oder am Ende nur ein schöner Anspruch bleibt.

5. Fazit

Am Ende würde ich deshalb weder zu einer pauschalen Verurteilung noch zu einer schnellen Entlastung der IDF kommen. Beides wäre mir zu einfach. Die offizielle Selbstbeschreibung der IDF zeigt klar, dass die Armee moralisch gebunden sein will. Werte wie Menschenwürde, Schutz des Lebens und „Purity of Arms“ sind ernst zu nehmen und nicht bloß Beiwerk.

Gleichzeitig macht Homolka deutlich, dass Selbstverteidigung zwar legitim sein kann, aber niemals alle moralischen Fragen aufhebt. Sein Satz, dass ein gerechter Krieg keine ungerechten

27 Ebd.

28 Vgl. ebd., S. 49-50.

29 Vgl. Schiff, „Fifty Years of Israeli Security“, S. 437-439; Harel: „Israel’s Evolving Military“, S. 45-46.

Handlungen rechtfertigt, sagt am klarsten, worauf es ankommt.30 Dazu kommt, dass Homolka sein Buch mit einem Satz abschließt, der mir sehr nachgegangen ist: „Frieden ist die einzige Option.“31 Dieser Satz ist nicht naiv, wenn man ihn zusammen mit seiner anderen Einsicht liest: „Kein Frieden ohne Sicherheit!“32 Genau zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Antwort. Israel kann Sicherheit nicht ignorieren. Aber eine jüdische Friedensethik erinnert daran, dass Sicherheit nicht der einzige Wert sein darf. Eine Armee kann ihren moralischen Anspruch nur dann glaubwürdig vertreten, wenn sie Gewalt nicht nur begründet, sondern auch wirksam begrenzt. Hinzu kommt allerdings auch, dass sich die Frage nach moralischen Grenzen heute unter Bedingungen asymmetrischer Kriegsführung noch einmal verschärft.

Wenn ein Gegner nicht wie eine klassische Armee handelt, sondern aus dicht besiedelten Gebieten operiert und sich gezielt in zivile Räume zurückzieht, entstehen Situationen, für die alte Regeln oft nicht mehr ausreichen. Gerade darin liegt eine der größten Herausforderungen der aktuellen Kriegsführung. Umso wichtiger wäre es, über Regeln nachzudenken, die diesen veränderten Bedingungen gerecht werden, ohne den Schutz von Zivilisten aus dem Blick zu verlieren. Eine eigene Beobachtung aus meiner Zeit in Israel ist außerdem, wie stark dieses

Land von Erfahrungen von Angst, Verlust und Gewalt geprägt ist. Fast jede Person, die dort lebt, hat eine eigene Geschichte zu erzählen oder kennt Menschen, die direkt betroffen waren. In so einer Atmosphäre ist es schwer, völlig nüchtern oder distanziert auf politische und militärische Fragen zu schauen. Das gilt nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für Politik und Führung. Maßstäbe und ethische Prinzipien sind wichtig, aber sie stehen in der Realität oft unter dem Druck von Emotionen, Bedrohung und Erinnerung. Gerade dadurch rückt Sicherheit häufig in den Vordergrund, während Frieden zumindest gedanklich manchmal weiter nach hinten tritt. Das macht die Maßstäbe nicht unwichtig, zeigt aber, wie schwer es ist, sie unter den realen Bedingungen vor Ort wirklich festzuhalten.

30 Walter Homolka, Krieg und Frieden im Judentum, Ostfildern 2025, S. 125.

31 Ebd., S. 130.

32 Ebd., S. 128.

Literaturverzeichnis

Harel, Amos: „Israel’s Evolving Military: The IDF Adapts to New Threats“, in: Foreign Affairs

95 (2016), H. 4, S. 43-50.

Homolka, Walter: Krieg und Frieden im Judentum. Ostfildern: Patmos Verlag, 2025.

Israel Defense Forces: The Spirit of the Israel Defense Forces: What Guides Us, Online

verfügbar unter: https://www.idf.il/en/mini-sites/our-mission-our-values/ (letzter Zugriff:

15.03.2026).

Schiff, Ze’ev: „Fifty Years of Israeli Security: The Central Role of the Defense System“, in:

Middle East Journal 53 (1999), H. 3, S. 434-442.



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