30. Nissan/ 1. Ijar 5786 17./18.4.2026
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16. und 17. Tag des Omer
Dieser Abschnitt der Torah, behandelt das Thema „Reinheit“. Die „Unreinheit“, die hier im ersten Teil des Textes angesprochen wird, bezieht sich auf die Zeit nach der Geburt eines Kindes.

Während der Wüstenwanderung war es schwierig, Kind und Mutter nach der Geburt sorgfältig zu pflegen. Doch auch damals muss es die Möglichkeit gegeben haben, einige Momente der Ruhe für die von der Geburt geschwächte Mutter zu schaffen. Heute, wo eine Geburt normalerweise unter hygienisch einwandfreien Bedingungen stattfindet, ist die vorsichtige Reinigung die erste liebevolle Zuwendung, die die junge Mutter und ihr Kind erfahren. Ein ganzes Team von Hebammen, Ärzten, meist auch der junge Vater oder eine Freundin begleiten die Frau durch den gesamten Geburtsprozess. Das Verständnis für diesen völlig normalen, wenn auch sehr archaischen Vorgang hat sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verbessert.
Heute lesen wir in diesem Torah-Abschnitt etwas für uns heute völlig Unbegreifliches. Die Mutter gilt nach der Geburt eines Knaben sieben Tage als ‚unrein‘. Bringt sie ein Mädchen auf die Welt, so dauert die Zeit der ‚Unreinheit‘ sogar 14 Tage.
Für den Sohn endet am achten Tag nach der Geburt die ‚Unreinheit‘, er wird mit der Beschneidung in den Bund mit Gott aufgenommen. Die Mutter jedoch gilt für weitere 33 Tage als ‚unrein‘. Insgesamt dauert die Zeit, in der sie abgeschieden von den anderen leben muss und selbstverständlich auch nicht zum Tempel gehen darf, 40 Tage. Bei einem Mädchen beträgt der Zeitraum sogar 80 Tage und ist damit doppelt so lang wie bei einem Jungen. Diese Ungleichbehandlung der Mutter ist für mich schwer fassbar und nicht erklärbar.
Aber ist es wirklich ein Zustand, in dem sie, quasi wie ausgestossen, getrennt von der Familie leben ‚muss‘? Oder ist es, wenn wir die Anweisungen einmal völlig auf den Kopf stellen, nicht eher ein ‚dürfen‘?
In den ersten Wochen durfte die junge Mutter ganz für sich, vielleicht gemeinsam mit einer guten Freundin nur für ihr Kind da sein. Versteht man die Abgeschiedenheit unter diesem Aspekt, so darf man sich ruhig einen hellen und sonnigen Ort vorstellen. Nicht voller Trauer über die auferlegte Trennung von der Familie, sondern durchaus voller Vorfreude auf das Kommende.
Heute weiss man, dass die ersten gemeinsamen Wochen prägend für die zukünftige Verbindung zwischen der Mutter und dem Kind sind. Hier wird das Urvertrauen des Kindes ausgebildet, das eines Tages, wenn alles gut läuft, darin gipfelt, dass das Kind die frühe Bezugsperson auch einmal ‚aus den Augen verlieren kann‘ und sich trotzdem auf ihre Liebe und Fürsorge verlassen darf. Jean Piaget, ein Schweizer Entwicklungspsychologe hat dafür den Begriff der ‚Objektkonstanz‘ gewählt. Diese wird während der ersten acht Lebensmonate gebildet. Im späteren Leben ist sie die Grundlage, dass ein Mensch Beziehungen eingehen und aufrechterhalten kann, auch wenn das ‚Objekt‘ nicht permanent anwesend ist.
Man weiss heute, dass diese erste Bezugsperson nicht zwingend die Mutter sein muss. Auch der Vater kann diese erste und wichtigste Person sein. Daher ist es ganz normal, dass er in „Vaterschafts-Karenz“ gehen kann, ohne von den Kollegen oder Vorgesetzten schräg angeschaut zu werden, wie noch im Jahr 1972 der Ehemann meiner damaligen Deutschlehrerin am Gymnasium. Auch die Betreuerinnen in den Kinderhäusern der klassischen Kibbuzim, die auch über Jahre hinweg ‚ihre Kinder‘ betreuten, nahmen diese Rolle ein.
Wie aber können wir aus heutiger Sicht die Aussagen dieses Torah-Abschnittes verstehen? Können wir uns noch vorstellen, dass Töchter in der Gesellschaft weniger wert sein sollen, als Söhne?
Es ist noch gar nicht so lange her, dass diese Vorstellung auch in aufgeklärten Gesellschaften verwurzelt war. In anderen Kulturkreisen gilt sie bis heute. Kommt es zu Versorgungsengpässen, so findet man immer noch mehr unterernährte Mädchen als Buben.
Wir Frauen haben es zwar ein Stück weit geschafft, uns innerhalb der Gesellschaft von der Bevormundung der Männer zu emanzipieren, haben dabei aber unsere Töchter nicht immer miteinbezogen.
Es muss daher unser wichtigstes Anliegen sein, für unsere Kinder, gleich ob Tochter oder Sohn, bereits in den ersten Lebenswochen einen Grundstein für die Fähigkeit zu legen, sich innerhalb der Gesellschaft durch stabile Beziehungen einen gleichberechtigten und selbstbestimmten Platz zu schaffen.
Shabbat Shalom ve Rosh Chodesh Ijar tov!
Kategorien:Israel
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