Bamidbar, Bamidbar 1:1 – 4:20

28./29. Ijjar 5786                                                               15./16. Mai 2026 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:49

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:10

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:38

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:53

Tage 43 und 44 des Omerzählens

In der Negev-Wüste, Israel

Zu Beginn des Wochenabschnittes „In der Wüste“ gibt Gott den Befehl alle über 20 Jahre alten Männer, getrennt nach Stämmen zu zählen. Die Nachkommen von Levi wurden von der Zählung ausgenommen. Sie waren vom Kriegsdienst befreit und dienten ausschliesslich im Tempel. Heute gilt diese Regelung, dass alle Leviten vom Dienst in der IDF ausgenommen sind, nicht mehr.

Die Zahl ergab eine Summe von 603.550 Männern (Vers 1:46). Jedes Manöver dieser unglaublich grossen Zahl an Menschen stellte eine logistische Herausforderung dar, die unvorstellbar war. Die Stämme sollten getrennt voneinander lagern, jedem Stamm wurde eine bestimmte Stelle vorgeschrieben.

Selbst bei vorsichtiger Schätzung müssen sich zwischen 1.5 und 2 Millionen Menschen im gesamten Lager befunden haben. Den Überblick zu bewahren, war unmöglich für einen Menschen. Dazu war nur Gott fähig.

Man stelle sich vor, wenn sich morgens diese Menge etwa gleichzeitig von den Schlaflagern erhob, sobald sich die Wolke hob und auf den Weg machte. Jeder Autofahrer kennt das Phänomen. Man steht auf der vierten oder fünften Stelle vor einer Ampel und wartet auf das grüne Licht. Selbst wenn man viel Glück hat, nur in den seltensten Fällen wird man im ersten „Rutsch“ durchkommen, zumeist braucht es eine zweite Phase. Nur die Franzosen beherrschen die Kunst des gleichzeitigen Anfahrens. Dass dies auch von den Kindern Israel beherrscht wurde, darf bezweifelt werden.

Und so kann man davon ausgehen, dass die ersten Reihen schon wieder müde vom mühsamen Weg durch den Sand waren, bis sich die letzte Reihe überhaupt in Bewegung gesetzt hatte.

In diesem vierten Buch der Thora werden wir die Kinder Israels für 38 Jahre auf ihrem Weg durch die Wüste begleiten. Seit der erfolgreichen Flucht aus Ägypten sind, wie wir gleich zu Beginn erfahren, erst ein Jahr und ein Monat vergangen. Sie sind noch weit entfernt davon, zu einer homogenen Gruppe zusammenzuwachsen, die Transformation von den Kindern Israel zum Volk Israel ist noch lange nicht vollzogen.

Vor ihnen liegt eine gefährliche Zeit. So wunderschön die Wüste auch ist, tagsüber mit dem Farbenspiel der einzelnen Felsschichtungen und Lichtreflexionen, von blendend weiss über tiefrot bis zu sandgelb, so irritierend kann sie auch sein. Das Auge findet kaum einen Punkt, an dem es sich festhalten und orientieren kann, jeder Schritt muss vorsichtig gesetzt werden. Die Kargheit der Natur ist eindrücklich, nur selten rollt ein stacheliges Geäst, geformt zu einem Ball, über die sandige Fläche. Minitornados zupfen regelmässig an der Kleidung und der Haut. Die Sonne brennt gnadenlos. Wer zu wenig Wasser mit sich führt oder seinen Körper nicht ausreichend schützt, ist rasch verloren. Um den Weg nicht zu verlieren, musste man entweder den Lauf der Gestirne kennen, oder eben Gott und seinen Zeichen folgen. Heute ist Vieles dank dem GPS einfacher! Die grosse Herausforderung liegt noch vor den Kindern Israel.

Gott bereitet sie darauf vor. Jeder Stamm erhält seine Aufgabe. Die Männer müssen sich auf die Kämpfe vorbereiten, die während der kommenden Jahre auf sie warten. Deshalb erhält auch jeder Stamm eine eigene Fahne, das Heereszeichen, an dem man sie voneinander unterscheiden kann. Jede Fahne bildet das Symbol des Stammes ab. Marc Chagall hat die Stammeszeichen wunderbar in seinen weltbekannten Glasbildern im Hadassah Krankenhaus in Jerusalem umgesetzt. Die Fahnen dienten aber auch denen, die sich kurzfristig von ihrem Stamm trennen mussten, als Hilfe, um wieder heimzukommen.

Zusätzlich erhielt jeder Stamm einen genau definierten Platz in der Nähe des Stifszeltes. Für die nicht näher definierte Menschenmenge, die mehr oder weniger planlos aus Ägypten geflohen war, formte Gott einen klar definierten Rahmen, in dem jeder seinen Platz fand. Diese Ordnung war ein grosser Schritt, um eine logistische Vereinfachung herzustellen. Jeder sollte verinnerlichen, wer er innerhalb des Ganzen war, was sein Platz und was seine Aufgabe war.

Diese Zeit, die Neuordnung, mag dazu gedient haben, dass sich jeder innerhalb des gesamten Volkes, das dabei war, sich zu formieren, neu positionierte. Wie gut ist es damals gewesen, dass Gott dazu klare Ansagen machte! So trat das zumeist übergrosse Ego des Einzelnen gar nicht erst in einen Konkurrenzkampf zu seinem Nachbarn.

Die Wüste war, wenn man es rückwärts blickend anschaut, die Schule des Lebens. Aus den Sklaven wurden freie Menschen, aus planlos agierenden Personen wurden Menschen, die sich einem grossen Plan, dem Plan Gottes unterordneten und ihm folgen konnten.

Brauchen wir, die modernen Menschen von heute diese Vorgaben, diese Rahmenbedingungen nicht mehr?  Sind wir selbstständig genug, uns auch ohne eine ständige Supervision einordnen zu können?

Betrachtet man das Geschehen auf der Welt, so muss man sagen, leider nein!

Wir müssen versuchen, einen Mittelweg zu finden, uns täglich neu zu definieren, ohne uns dabei zu verlieren.

Shabbat Shalom und Donnerstag Abend Chag Shavuot Sameach!



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