Bamidbar, Nasso 4:21 – 7:89

13./14. Siwan 5786                                                          29./30. Mai 2026 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:58

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:20

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:54

Shabbatausgang in Zürich:                                                                22:12

Im Wochenabschnitt dieser Woche finden wir den ältesten Segensspruch der Torah, Vers 6:24-26, den Priestersegen oder Aaronitischen Segen, den fast jeder kennt. Obwohl er unbestritten aus der jüdischen Liturgie stammt, hat er durch Martin Luther Eingang in die evangelische Kirche als Schlusssegen gefunden. Schon in den Gemeinderegeln von Qumran erscheint er in leicht abgewandelter Form. Neue Mitglieder, die in jedem Jahr zu Shavuot in die Gemeinde aufgenommen wurden, wurden mit diesem Segensspruch gesegnet. Allerdings beinhaltet der Qumran-Segen im zweiten Satz die Bitte, der Neuankömmling möge mit „dem Verstand des Lebens erleuchtet und mit dem ewigen Wissen begnadet werden“. Auch der traditionelle Kindersegen am Freitagabend beginnt mit dem Aaronitischen Segen, gefolgt von einem speziellen Segensspruch für Töchter und Söhne.

Der Herr segne und behüte dich

Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir wohlgesonnen

Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden!

Gott hat Aaron aufgetragen, mit diesen Worten das Volk Israel zu segnen. Wie alles, was Gott Aaron auftrug, stand auch dieser Segen im Zusammenhang mit den Tempelopfern.

Heute gibt es keinen Tempel und deshalb auch keine Tempelopfer mehr. Die ehemals so wichtige Rolle der Priester hat aufgehört zu existieren. Orthodoxe Juden empfinden auch heute noch die Verpflichtung, das Volk Israel während der Gottesdienste, die an die Stelle der Tempelarbeit getreten sind, mit dieser Mitzwa, einer religiösen Pflicht, zu segnen. In Gemeinden mit anderer Ausrichtung entscheidet die Gemeinde selbst, wann und in welcher Form der Segen erteilt wird.

Jüdischer Friedhof WIttlich, Grabmal eines Kahen

Je nach Ausrichtung der Gemeinde ruft der Kantor oder der Rabbiner nach der Wiederholung der Amida die anwesenden Kohanim der Gemeinde auf, vor den Aron HaKodesh, den Torahschrein, zu treten. Die Köpfe mit dem Tallit verdeckt, beginnen sie mit dem Segensspruch „Gelobt seist du, HaSchem, unser Gott, König der Welt, der uns mit Aarons Heiligkeit geheiligt und uns befohlen hat, sein Volk Israel in Liebe zu segnen.“ Die Arme sind dabei auf Schulterhöhe angehoben und die Hände gespreizt. Diese gespreizten Hände gelten als Zeichen der Kohanim.

Sie wiederholen Satz für Satz den Segen, den der Kantor oder Rabbiner ihnen vorspricht und die Gemeinde antwortet jeweils mit «Amen». Es ist dabei üblich, die Kohanim nicht ‘anzustarren’, es ist also kein Zeichen von mangelndem Respekt, wenn sich jemand abwendet oder zu Boden schaut!

Besonders eindrücklich ist der Priestersegen an der Klagemauer, der in jedem Jahr an Pessach und Sukkot gespendet wird. Tausende Kohanim versammeln sich dort, um sich des Tempeldienstes, der ihre Aufgabe war, und dort bis zum Jahr 70 CE stattfand, zu erinnern. In diesem Jahr wurde die Zahl der Teilnehmer aufgrund des Kriegs gegen den Iran jedoch stark reduziert und ins Innere der Synagoge neben der Klagemauer verlegt.

Ist der Segen Teil des Tempelrituals oder der Opferhandlungen? Diese Frage bewegt seit jeher die Weisen. Falls er Teil der Opferhandlungen gewesen wäre, so würde er nach der Zerstörung des Tempels obsolet sein. Also muss er einen anderen Hintergrund haben. Die Antwort finden wir im Vers 9:22, also in der kommenden Woche: «Aaron öffnete seine Hände gegen das Volk und segnete sie. Nachdem er so das Sündenopfer, das Ganzopfer und die Friedensopfer dargebracht hatte, stieg er hinab.»

Interpretieren wir diese Stelle richtig, so steht der Priestersegen am Ende der Opferzeremonie und bildet den Schlusspunkt. Nachdem die Opfer dargebracht wurden, darf Aaron das anwesende Volk Israel segnen, ihnen die Gnade, den Schutz und den Frieden stellvertretend im Namen Gottes geben.

Eine wunderbare Vorstellung. Die Priester lassen uns an der Liebe Gottes teilhaben. Sie, die durch ihre Tempelarbeit eine besondere Beziehung zu Gott haben, werden dazu von Gott ausdrücklich aufgefordert.

Es gibt Tendenzen, hauptsächlich in Israel, dass Frauen, die Töchter von Kohanim sind, das Recht des Priestersegens auch für sich reklamieren. Haben die ‘Women of the Wall’, die lautstark an der Klagemauer für ihr ‘gleiches Recht’ plädieren, darüber nachgedacht, was die Hauptarbeit der Priester war? Richtig, es war das Opfern der Tiere, von der kleinen Taube bis hin zum mächtigen Stier. Eine physisch anstrengende Aufgabe, die sie schnell überfordert hätte.

Ich weiss nicht, wie Moshe oder Aaron heutzutage mit der Genderisierung umgegangen wären. Wie hätten sie es empfunden, wenn jeder Mensch für sich entscheiden kann, ob er sich als männlich, weiblich oder ‘divers’ definieren möchte. Um vielleicht nach einigen wenigen Jahren seine subjektive Definition wieder umzuwerfen und sich anders zu definieren. Die Zeiten sind für uns Menschen problematisch genug. Ohne, dass wir neue Probleme hinzufügen, die niemandem helfen und nur Unruhe stiften.

Ich wünsche uns allen, dass wir pure Freude und Dankbarkeit empfinden können, die uns alle umhüllt, wenn wir den Segen daheim oder in der Synagoge hören.

Shabbat Shalom!



Kategorien:Religion

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar