20./21. Siwan 5786 5./6. Juni 2026
Shabbateingang in Jerusalem: 19:02
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:24
Shabbateingang in Zürich: 21:00
Shabbatausgang in Zürich: 22:20
13 Monate sind die Israeliten nun schon unterwegs. Die Gruppe der Wandernden ist so gross, dass es ein logistisches Problem ist, die Riesenzahl von Menschen zu koordinieren und zu dirigieren. Heute würde das kein Problem mehr darstellen.
Die Clan-Chefs der zwölf Stämme würden jeweils eine WhatsApp-Gruppe erstellen und könnten so jederzeit ihre Gruppenmitglieder innerhalb von Sekunden informieren. Eine weitere Gruppe würde die Koordination zwischen den Clan-Chefs und Moshe regeln.
Damals war das viel problematischer. Gott hatte jedem Stamm einen bestimmten Lagerplatz in der Nähe des Stiftszeltes zugeteilt. Seine Anweisungen an die Israeliten kamen durch gezielt eingesetzte Signale. Solange er in der Wolke über dem Lager schwebte, durften sie ruhen, sobald sich die Wolke erhob, mussten sie aufbrechen.
Verstärkt wurde das Wolkensignal durch Trompeten. Auch hier gab Gott genaue Anweisungen, mit welchen Tönen welche Stämme über besondere Ereignisse, wie Aufbruch, Versammlung oder Angriff informiert wurden. Ein einfaches, aber durchaus effektives System. Übrigens, ganz verloren gegangen ist dieses System bis heute nicht. Noch immer wird der bevorstehende Beginn des Shabbats oder eines Feiertages mit dem Blasen eines Shofars von der südlichsten Ecke der Stadtmauer um Jerusalem angekündigt. In den meisten Orten Israels hört man kurz vor Shabbateingang ein bekanntes Lied aus den Lautsprechern. Niemand darf sagen, er hätte es nicht gehört!
Als alles organisiert und geplant war, gab Gott am 20. Tag des 13. Monats nach der Flucht aus Ägypten das Signal, den Sinai Richtung Norden zu verlassen.
Eigentlich müsste man denken, dass die Israeliten jetzt, da es endlich weiterging, und die Durchquerung der Wüste vor ihnen lag, hochmotiviert waren.

Doch was machten sie stattdessen? Sie quengelten wieder einmal wie Kinder, die sich mit dem, was da ist, begnügen sollen. Jeden Tag ‘nur’ Manna als Nahrungsmittel, das sorgte für Unmut. «Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen, an die Gurken und Melonen, an den Lauch, an die Zwiebeln und an den Knoblauch.» Durchaus nachvollziehbar, dass ihnen Manna, das aussah wie ‚Koriandersamen und B‘delliumharz‘ kulinarisch langsam, aber sicher zu wenig bot. Ganz ehrlich, was regt den Gaumen mehr an? Mit Zwiebeln und Knoblauch gedünsteter Fisch und anschliessend eine erfrischende Wassermelone oder ein harzartiges, wenngleich auch gesundes Nahrungsmittel mit aromatischem Geruch, aber bitterem Geschmack? Nu?
Sie beschwerten sich bei Moshe, dem verständlicherweise wieder einmal alles zu viel wird. «Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen, es ist mir zu schwer.» Natürlich liess Gott ihn nicht allein mit seiner Not. Fortan sollten ihm 70 Männer, erfahrene und bewährte Stammesälteste, helfen, das manchmal so aufmüpfige Volk zu beruhigen. Das Volk aber strafte er, indem er es erst mit Wachteln überfütterte, die dann bei ihnen eine böse Allergie auslösten.
Es war wahrlich nicht die beste Zeit für Moshe. Mirjam und Aaron, seine Geschwister, zogen über ihren Bruder her. Es ist bekannt, dass grosse Schwestern dazu neigen, ihre jüngeren Brüder zu bevormunden, sie ständig zu kritisieren. Aber in diesem Fall kam noch etwas hinzu. Mirjam hatte Moses das Leben gerettet, wahrscheinlich fühlte sie deshalb eine besondere Verantwortung für ihn. Viel erfahren wir nicht von dem Gespräch zwischen Aaron und Mirjam. Es scheint, als ob sie beide eifersüchtig auf die besondere Beziehung zwischen Gott und Moshe waren und sich zurückgesetzt fühlten. «Hat etwa der Herr nur mit Moshe gesprochen? Hat er nicht auch mit uns gesprochen?» Was hat das mit der zweiten Frau von Moshe zu tun? Moshe hatte mit anhören müssen, dass die beiden sich über seine «kuschitische Frau» geäussert hatten. Hatte diese ihn so sehr mit Beschlag belegt, dass er keine Zeit mehr für seine Geschwister hatte? Oder, dass er keine Zeit mehr hatte, seine Führungsaufgaben gegenüber den Israeliten wahrzunehmen? Oder andersherum, dass er vor lauter Pflichten seine Frau vernachlässigte? Wir wissen es nicht. Für Moshe war diese Situation auf jeden Fall nicht nur persönlich kränkend, sondern stellte auch seine Autorität in Frage.
Dass das göttliche Urteil in dieser Situation ein politisches ist, wird schnell klar. Das Volk braucht einen unantastbaren Führer, und der heisst Moshe. «Moses aber war ein sehr demütiger Mann, demütiger als alle Menschen auf der Erde.» Aaron kommt ungestraft davon, denn als oberster Priester soll er nicht in Zweifel gezogen werden. Die Geschwister müssen jedoch eine Standpauke über sich ergehen lassen, die es in sich hat. «Wer seid ihr, dass ihr Moshe angreift? »
Mirjam hingegen als schwächstes Glied dieser Beziehungskette wird von Gott mit einem siebentägigen Aussatz bestraft. Doch auch Mirjam erfährt die Loyalität ihres Volkes. Sie lassen sie nicht einfach zurück, sondern warten, bis sie nach sieben Tagen wieder zu ihnen zurückkehren darf.
Erst dann ziehen sie weiter.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
Liebe Frau Scheiner,
vielen Dank für Ihren interessanten Beitrag zu Paraschat Beha’alotecha. Ihre lebendige Sprache und die verständlichen Bezüge zur Gegenwart erleichtern vielen Leserinnen und Lesern den Zugang zu einem oft komplexen Text.
Dennoch möchte ich einige Gedanken respektvoll zur Diskussion stellen.
Mir scheint, dass die Darstellung der Israeliten als vorwiegend „quengelnde Kinder“ den biblischen Text etwas einseitig wiedergibt. Die Klage über das Manna erscheint aus heutiger Sicht durchaus nachvollziehbar. Menschen, die über ein Jahr in einer lebensfeindlichen Wüste unterwegs sind, verlieren nicht nur die Freude am Essen, sondern kämpfen auch mit Unsicherheit, Entwurzelung und Zukunftsängsten. Ihre Beschwerden können daher ebenso als Ausdruck menschlicher Erschöpfung verstanden werden wie als Undankbarkeit.
Auch die Aussage, Gott habe das Volk durch eine Überfütterung mit Wachteln bestraft, die eine „böse Allergie“ ausgelöst habe, erscheint mir problematisch. Im biblischen Text ist zwar von einer schweren Plage die Rede (Numeri 11,33–34), von einer Allergie spricht der Text jedoch nicht. Eine solche Formulierung wirkt eher wie eine moderne Interpretation als eine durch die Quellen belegte Aussage.
Besonders nachdenklich stimmt mich die Darstellung Mirjams. Sie wird als „schwächstes Glied der Beziehungskette“ beschrieben, während Aaron ungestraft davonkomme. Tatsächlich weist der Text selbst auf ein Ungleichgewicht hin: Beide Geschwister sprechen gegen Mose, doch nur Mirjam wird mit Aussatz geschlagen. Viele jüdische und christliche Ausleger haben sich über Jahrhunderte mit dieser Frage beschäftigt. Gerade deshalb wäre es vielleicht hilfreich, diese Schwierigkeit offen zu benennen, statt sie als selbstverständlich hinzunehmen.
Ebenso bleibt die Frage nach der „kuschitischen Frau“ des Mose bis heute Gegenstand unterschiedlicher Auslegungen. Der biblische Text gibt keine eindeutige Antwort darauf, was genau Mirjam und Aaron kritisierten. Deshalb erscheint mir Zurückhaltung bei entsprechenden Deutungen angebracht.
Besonders wertvoll finde ich hingegen den Schluss des Abschnitts: Das Volk zieht nicht weiter, bevor Mirjam wieder aufgenommen wird. Gerade in einer Zeit, in der Menschen oft schnell ausgegrenzt oder zurückgelassen werden, setzt dieser Vers ein bemerkenswertes Zeichen von Solidarität und gemeinschaftlicher Verantwortung.
Die Stärke der Tora liegt meines Erachtens oft darin, dass sie ihre großen Gestalten nicht idealisiert. Mose, Aaron und Mirjam erscheinen als Menschen mit Stärken, Schwächen, Zweifeln und Konflikten. Vielleicht lädt uns dieser Text weniger dazu ein, Schuldige zu suchen, als vielmehr dazu, über Verantwortung, Führung, Geschwisterkonflikte und den Umgang mit Kritik nachzudenken.
Vielen Dank für Ihren Beitrag und die Anregung zum weiteren Nachdenken.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Gamma
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