19./20. Cheshwan 5787 30./31.10.2026

Bereshit, Wajera 18:1 – 22:24

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         16:12

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         17:28

Shabbateingang in Zürich:                                                                 16:54

Shabbatausgang in Zürich:                                                                17:58

Dieser Wochenabschnitt ist so voller Leben, wie wir es bisher in den ersten Abschnitten dieses ersten Buches von Moshe noch nicht erlebt haben. Awraham sitzt am Eingang seines Zeltes unter der alten, mächtigen Eiche, die leider im Jahr 2019 in sich zusammengebrochen ist.

Awraham mag in der mittäglichen Gluthitze ein wenig eingenickt sein, Sara werkelt geschäftig im Zelt. Plötzlich stehen drei Männer vor Awraham, die er sofort als himmlischen Besuch erkennt. Einer der drei Männer ist Gott selbst, in Vers 13 wird er direkt identifiziert. Die zwei anderen Männer sind Engel, die weiterziehen nach Sodom, wo sie später als solche erkannt werden.

Doch zunächst nehmen sie Awrahams Gastfreundschaft an.

Gott prophezeit den beiden redlichen, gottesfürchtigen Menschen, dass sie, die doch beide schon hochbetagt sind, einen Sohn haben werden. Sara ist verunsichert und kann ihr Glück doch nicht fassen. Fast können wir ihr Kichern hören, das hinter der aufgeschlagenen Zeltbahn ertönt. Auch Gott hat es gehört, er bestimmt, dass der Sohn, den Sara gebären wird, ‚Yitzhak‘ heissen soll; er lacht.

Wir kennen es doch alle, dieses verlegene Kichern, wenn wir in einer Situation überfordert sind oder uns bei etwas erwischt fühlen. Sarah ist überfordert: Sie galt ihr ganzes Leben lang als unfruchtbar, doch nun sollte sie doch noch ein Kind bekommen?

Dann kommt es zu einem Szenenwechsel.

Awraham begleitet Gott und die Engel nach Sdom, nachdem Gott überlegt hat, ob er Awraham in seine Pläne mit dieser vom Glauben abgefallenen Stadt einweihen soll. Angesichts seiner zukünftigen Pläne, die Awraham dazu ausersehen, über seine Kinder den wahren Glauben weiterzugeben, entscheidet er sich dafür, dass er auch die Niederungen der Menschheit kennenlernen soll. Und er soll erkennen, dass Gott jedem eine zweite Chance gibt.

Wir schauen Awraham über die Schulter, als er etwas ganz Aussergewöhnliches tut: Er verhandelt mit Gott, als dieser Sdom zerstören will, und Awraham tut alles, um das zu verhindern.

Als die Engel in Sdom ankommen, finden sie Lot am Stadttor sitzen. Wie zuvor Awraham lädt auch er die Engel ein, Gast in seinem Haus zu sein. Doch sie lehnten ab. Lieber wollten sie auf der Strasse übernachten. Mit gutem Grund. In der Nacht bedrängten aggressive Männer Lot, ihnen seine Gäste auszuliefern. Doch Lot war die Gastfreundschaft wichtiger als das leibliche Wohl seiner Töchter, die er den Männern, die nichts als schnellen Sex wollten, anbot. Die Engel retteten die Mädchen und Lot vor dem Mob und blendeten sie, so dass sie erblindet davonwankten. Die Engel forderten Lot auf, alle, die zu seinem Hausstand gehörten, weit ausserhalb der Stadt in Sicherheit zu bringen, denn sie erkannten, dass er ein redlicher Mann war. Jedoch verlachten seine Schwiegersöhne ihn in seiner Angst. So riefen die Engel in der Früh noch einmal: „Nimm deine Frau und deine ledigen Töchter und verlasse die Stadt, bevor wir sie im Namen Gottes zerstören.“ Als sie weit genug von der Stadt entfernt waren, mahnte ein Engel die kleine Gruppe. “Fliehe um dein Leben, doch bleibe nicht stehen und drehe dich nicht um!“ Lot floh mit seiner engsten Familie in einen kleinen Ort namens ‚Zoar‘, der am südlichen Ende des Ostufers des Toten Meeres liegt. Kaum waren sie in Sicherheit, zerstörte Gott die abtrünnige Stadt Sdom. Lots Weib aber hielt es nicht aus, drehte sich um und erstarrte zur Salzsäule. Sie blieb namenlos.

‚Lots Weib‘ eine Gesteinsformation am Toten Meer in der Nähe von Sdom

Lots Töchter aber hatten Angst, dass sie ohne Nachwuchs sterben müssten. Ihr Vertrauen in Gottes Plan war nicht sehr gross. Sie machten ihren Vater trunken und schliefen mit ihm. Die Ältere gebar einen Sohn und nannte ihn Moab, den Stammvater der Moabiter, die Jüngere nannte ihren Sohn Ben-Mami.

Wir sind glücklich mit Sara und Awraham, als ihr gesunder Sohn Yitzhak zur Welt kommt, und leiden mit Hagar und ihrem Sohn Ishmael, bevor sich ihr Schicksal wendet und sie beide ihren Platz in der Welt finden.

Im letzten Abschnitt begleiten wir Awraham und Yitzhak auf den wohl schwersten Weg in ihrem gemeinsamen Leben.

Awraham hat sich mit seiner Familie in der Nähe von Be‘er Sheva niedergelassen und lebte dort für einige Zeit als geduldeter Fremder.

Gott beschliesst, Awraham erneut auf die Probe zu stellen, die härteste der zehn, mit denen er ihn testet. „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Yitzhak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“ Dieser Berg entspricht dem Ort, an dem Shlomo viel später den ersten Tempel in Jerusalem errichten wird. Zwischen den beiden Orten liegen 107 km. Die Bodenbeschaffenheit war schlecht und die Menschen kamen nicht schnell voran. So werden sie mehr als 20 Stunden benötigt haben, um den von Gott genannten Berg zu erreichen.

Awraham, der Gottesfürchtige, widerspricht nicht. Er macht sich an die Vorbereitungen. Wie mag er sich dabei gefühlt haben? Kann es wirklich sein, dass Gott den Befehl zum Mord gibt? Was bedeutet Mord in der heutigen Rechtsprechung? In der Regel werden „niedrige, nicht nachvollziehbare Beweggründe“ als Voraussetzung für einen Mord vorausgesetzt. Beides liegt in diesem speziellen Fall nicht vor. Awraham führt in seiner Gottesfurcht den Befehl Gottes aus. Das wäre ein höchst moralischer und absolut nachvollziehbarer Grund für die von ihm verlangte Tat. Wir dürfen davon ausgehen, dass Gott nicht wirklich einen Mordfall verlangt, der so seinen eigenen Gesetzen widerspricht.

Vielleicht hilft es, diese verwirrende Szene besser zu verstehen, wenn wir einen Satz aus dem Talmud heranziehen. Im Text Midrasch Bamidbar Rabba 13:15 steht zu lesen: „Es gibt 70 Gesichter der Torah. Drehe sie immer wieder um, betrachte sie von allen Seiten. Du wirst jedes Einzelne dort finden.“

In dieser aktuellen Textstelle polarisiert der Text: blinder Gehorsam auf der einen Seite und moralische Bedenken auf der anderen.

Fast scheint es, als liesse sich Awraham viel Zeit, mit allem, was er zwischen dem Aufstehen vor der Abreise bis hin zum Fesseln von Yitzhak auf dem Opferaltar tut. Die Erzählung vermittelt nicht den Eindruck, dass er unter grossem emotionalen Druck steht. Sein bedächtiges Vorgehen könnte bedeuten, dass er darauf wartet, dass Gott ihn stoppt. Dass die harte Prüfung zu Ende ist, bevor sie richtig begonnen hat. Oder dass er bei sich eine Möglichkeit entdeckt hätte, Gott zu sagen: „Es geht nicht, ich kann das nicht tun!“

Warum aber hat Awraham das Opfer doch vorbereitet und die Hand gegen seinen Sohn erhoben?

Es gibt eigentlich nur eine Antwort. Er war sich sicher, dass Gott niemals verlangen würde, den Mord, hier als Brandopfer getarnt, zu fordern. Im Gegenteil, er war sicher, dass Gott die Prüfung im vielleicht letzten, aber entscheidenden Moment abbrechen würde. Und so kam es ja dann auch.

Am Beginn des Textes steht ואֱלֹהִים, נִסָּה אֶת-אַבְרָהָם Elohim nissa Awrahamn, Gott prüfte Awraham.

Das Verb „prüfen“ hat die gleiche Wurzel wie das Wort für Erfahrung, ניסיון, nissajon.

Wir lernen durch Erfahrungen. Diese sind nicht immer die besten und angenehmsten, aber sie bringen uns in unserem Leben voran.

Wir müssen uns nur immer bemühen, das Beste aus jeder neuen Erfahrung, so wie Awraham und sein Sohn Yitzhak, es gemacht haben, zu ziehen.

Shabbat Shalom!



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