Was geschah am 2. März?

10. Adar 5783

Arme Sarah!

Warum sich Sarah Netanyahu zur Pflege ihres Blondschopfes nach Tel Aviv begibt, anstelle einen Coiffeur in Jerusalem aufzusuchen, bleibt ihr überlassen. Wer allerdings gestern den Demonstranten mitteilte, dass sie sich justament in dem Moment, als ihr Mann die Rede an die Israelis hielt, dort aufhielt, wäre spannend zu wissen. 

So sammelten sich, je nach Beobachter, zwischen etwa 20 und fast Tausend Demonstranten vor dem Salon, schwenkten Israel Fahnen und skandierten: «Das Land brennt, und Sarah lässt sich die Haare schneiden!» (Bitte auch das Bild mit dem Blick vom Balkon anschauen, es spricht Bände)

Die Polizei war schnell vor Ort, hielt die Demonstranten, über die Yair Netanyahu, der mediengeile Sohn des PM später twitterte «Sie wollten meine Mutter lynchen» vom Coiffeursalon fern. Dabei schauen sie auf den Videos schon eher müde als aggressiv aus, und halten mehrheitlich ihre Handykameras hoch, um um Himmels Willen nicht zu verpassen, wenn Sarah angstschlotternd das Gebäude verlässt. 

Das wusste die Polizei zu verhindern. Eine Ambulanz aus dem Fuhrpark des PM holte sie vom Hinterausgang ab und verschwand, ohne dass die Demonstranten es mitbekamen. Es war ein langer Coiffeurbesuch, gegen 23 Uhr Ortszeit konnte der PM seine immer noch erschütterte Ehefrau daheim in die Arme schliessen. Via Twitter liess er vermelden: «Die Anarchie muss ein Ende haben – sie könnten irgendwann Leben kosten.»

In der Jerusalem Post steht ein wunderbarer Kommentar: «Komm Sarah, gibt es zu, das war alles orchestriert! Gib es zu und wir können uns wieder den wichtigen Dingen zuwenden. Zu versuchen, das Land davor zu bewahren, sich in eine faschistische Diktatur zu wandeln. Statt uns mit einem «Hairdresser-Gate» zu beschäftigen!»

Eine Rede an die Nation:

Im Versuch, als echter besorgter Landesvater zu gelten, trat der PM vorgestern Abend vor die Mikrophone. Er verglich die Demonstranten mit Siedlern, die am Sonntagabend durch eine palästinensische Stadt im Westjordanland tobten, nachdem dort bei einem Terroranschlag zwei Israelis erschossen worden waren. Die marodierenden Siedler verbrannten Dutzende von Häusern und Fahrzeugen bei Unruhen, bei denen auch ein Palästinenser starb.

Er lehnte jegliche Gewalt, sowohl in Harawa, als auch in Tel Aviv ab, bezeichnete die Demonstrationen aber als Gewalt und Anarchie und eine rote Linie, die überschritten worden sei. Er verglich die aktuellen Demonstrationen mit dem Rückzug aus Gaza im Jahr 2005, der wie er in verlogener Weise behauptete, völlig gewaltfrei verlaufen sei. Er verschwieg auch, dass der heutige rechts-extreme Finanzminister Bezalel Smotrich damals für einige Wochen vom Shin Bet festgehalten worden war, nachdem er einen Terrorakt gegen Fahrzeuge auf dem Ayalon geplant hatte. 

Er ignorierte nicht zum ersten Mal, dass von der Opposition immer wieder Aufforderungen zu Gesprächen gekommen sind, die von der Regierungskoalition abgelehnt wurden. Die ganze Rede war nichts anderes, als der misslungene Versuch, von den Fehlern der Regierung abzulenken und diese in einem möglichst guten Licht stehen zu lassen. Pfui!

Gestern krebste der PM in Bezug auf seine Aussagen zurück. Er habe gemeint, dass in beiden Fällen das Volk das Recht in seine Hände genommen habe. Es ist bereits das zweite Mal in wenigen Tagen, dass er eine Aussage am nächsten Tag korrigieren muss. 

Einem Staatsmann darf das nicht passieren. 

Ein Finanzminister, der Aufruhr sät:

Finanzminister Smotrich, sieht sich wohl lieber in seinem zweiten Ministerium innerhalb des Verteidigungsministeriums und als Herr über Judäa und Samaria. Nachdem die Mordbuben der Siedler im Ort Hawara unglaublichen Schaden angerichtet hatten, doppelte er verbal nach: «Das Dorf Hawara muss endgültig ausgelöscht werden. Ich denke der Staat Israel muss das tun.»

Ned Price vom US-amerikanischen Aussenministerium war empört: «Ich möchte dies ganz klar sagen. Diese Kommentare waren unverantwortlich. Sie waren abstossend. Sie zeugen von widerlicher Gewalt. Wir fordern Premierminister Netanjahu und andere hochrangige israelische Beamte auf, diese Kommentare öffentlich und klar abzulehnen. Wir verurteilen, Terrorismus und Extremismus in allen Formen. Wir drängen weiterhin darauf, dass es gleiche Massnahmen gegen die Verantwortlichen von extremistischen Handlungen geben muss. Unabhängig vom Hintergrund der Täter oder der Opfer.»

Smotrich plant, in der kommenden Woche in die USA zu reisen. Sein Ziel ist es, sich mit möglichen jüdischen Geldgebern zu treffen und um Finanzspritzen zu bitten.  Wenn es nach dem Willen des US-amerikanischen Aussenministeriums geht, wird ihm die Einreise in die USA verweigert werden. Mit dem offiziellen Amerika wird er sich nicht treffen können. Nach Ben-Gvir ist das dann der zweite der israelischen Minister, die persona non grata in den USA sind. Zusätzlich zu ihrem Chef, dem PM.

Auch die UN hat sich den durchaus berechtigten Vorwürfen angeschlossen.

Die Bemühungen sich reinzuwaschen:

Hochrangige Offiziere der Polizei stellten gestern klar, die aufgeheizte Stimmung der Demonstranten hätte nicht den Einsatz von Gewalt, Wasserwerfern, Blendgranaten und Tränengas gerechtfertigt.

Sie warfen dem Polizeikommissar Kobi Shabtai vor, diese Vorgangsweise nur angeordnet zu haben, um sich beim Minister für Nationale Sicherheit, Ben-Gvir, beliebt zu machen. «Es scheint, dass der Minister Druck auf den Polizeikommissar ausgeübt hat – man kann die Ergebnisse auf den Strassen sehen.» Dieser hatte öffentlich dazu aufgerufen, dass die Polizei härter gegen regierungsfeindlichen Demonstranten vorgeht, als gegen ultraorthodoxe und andere Demonstranten.

Shabtei ist in den vergangenen Wochen immer wieder mit seinem vorgesetzten Minister aneinandergeraten und bemüht sich nun offensichtlich um ein besseres Arbeitsklima. Seine Vorwürfe, aggressiv gegen Polizisten vorgegangen zu sein, wiesen diese als falsch zurück, was auch von einem hohen Polizeioffizier bestätigt wurde. «Wir verwenden Blendgranaten nur in extremen Fällen schwerer Gewalt von Demonstranten gegen die Polizei. Beim heutigen Protest gab es nichts davon. Blendgranaten sind unglaublich gefährlich, und man benutzt sie nicht gegen Demonstranten mitten in Tel Aviv, die nichts anderes tun, als Strassen zu blockieren oder Strassensperren zu durchbrechen.»

Allein in Tel Aviv mussten mehr als 50 Personen in Krankenhäusern behandelt werden, ein Mann verlor durch eine Blendgranate sogar ein Ohr.

Mittlerweile wurde eine Untersuchung wegen dieses Vorfalls eingeleitet. Der Polizist, der die Blendgranate geworfen hat, muss sich dafür verantworten.



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