24./25. Aw 5786 7./8. August 2026
Shabbateingang in Jerusalem: 18:51
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:09
Shabbateingang in Zürich: 20:33
Shabbatausgang in Zürich: 21:42
Der Wochenabschnitt beginnt mit einer kryptischen Ankündigung von Moshe: „Siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor.“ Den Segen sollen wir erhalten, wenn wir Gottes Geboten folgen, den Fluch, wenn wir sie nicht befolgen und von den vorgegebenen Wegen abweichen. Bis hierher sind die Worte Moshes noch verständlich.

Aber jetzt folgt das Unverständliche: „Es wird geschehen, wenn dich HaSchem, dein Gott, bringt in das Land, wohin du gehst es einzunehmen, so sollst du den Segen erteilen auf dem Berg Gerizim und den Fluch auf dem Berge Ebal.“ Der Berg Gerizim ist ein Hügel mit üppiger Vegetation, der ihm exakt gegenüberliegende Hügel Ebal hat eine öde, felsige Oberfläche. Beide Hügel stehen sich im Zentrum des Berglandes von Ephraim in Samaria genau gegenüber. Auf dem Berg Ebal errichtete Joshua einen Altar aus unbehauenen Steinen. In den 1980er Jahren fanden Archäologen dort eine Struktur aus der Eisenzeit, die mit diesem Altar in Verbindung gebracht wird. Für die Samariter, eine eigenständige religiöse Gemeinschaft, gilt der Berg Garizim als der heiligste Ort der Welt.
In der Torah haben wir die Gebote und Verbote gehört, die Gott uns gegeben hat. Immer wieder hiess es da: «Wenn du das und das tust, dann wirst du …» Erst vor zwei Wochen haben wir gelesen: «Wenn du Vater und Mutter ehrst, dann wirst du lange leben!» Unser Verhalten begründet die Folgen unseres Tuns. Wir selbst und nur wir, sind verantwortlich für das, was unser Leben bestimmt. Ob es Erfolg, Glück und Gesundheit sind, die uns das Leben relativ leicht machen, oder ob es ein ständiger, zermürbender Kampf ist. Natürlich gibt es Ausnahmen.
Erst jetzt, am Ende seines langen und teilweise mühsamen Lebens, das geprägt ist von Lebenserfahrung, ist Moshe nicht mehr das Sprachrohr Gottes. Er darf dem Volk Israel noch einmal zusammenfassen, was er während der 40 Jahre gehört und weitergegeben hat. Jetzt lässt er die Folgen offen, die uns treffen, wenn wir uns nicht an die Gebote Gottes halten. Er entlässt uns sozusagen in die Eigenverantwortung. Wir dürfen, und das ist eines der grossen Geschenke Gottes für uns, aber auch die Last, die wir oftmals dabei spüren, selbst entscheiden, was wir tun wollen.
In der aktuellen Vergangenheit haben jüdische Siedler-Terroristen immer mehr Angriffe auf palästinensische Dörfer gemacht. Sie haben Häuser angezündet, auch wenn sich Menschen darin befanden, Fahrzeuge abgefackelt, Felder abgebrannt, Hassparolen auf die Hauswände geschmiert. Und sie haben Menschen verletzt und getötet. Männer, Frauen und Kinder. Das ist schlimm. Das ist beschämend. Und vor allem ist es unverständlich. Zur Rechenschaft gezogen werden diese zumeist jugendlichen Terroristen kaum. Der lange Arm des Gesetzes greift nicht nach ihnen.
Wir können es wohl kaum der kollektiven Traumatisierung nach der Shoah und dem 7. Oktober 2023 zuschreiben, auch nicht dem sozialen Umfeld der Jugendlichen, in dem sie aufwachsen und nur falschen Vorbilder sehen.
Es sind Jugendliche, die sich für den Berg Ebal entschieden haben. In ihrer freien Entscheidung, die Gott ihnen zubilligt. Mit den Folgen der Entscheidung müssen sie leben. Sie kämpfen angeblich um das Land, welches die beiden Hügel umgibt.
Eli Amir, der das wunderbare Buch ‘Der Taubenzüchter von Bagdad’ geschrieben hat, hat 1941 die Pogrome gegen die Juden in Bagdad erlebt. Trotzdem schreibt er: «Juden wie Muslims müssen lernen, dass Kompromisse keine Zeichen von Schwäche sind.»
Als der zweite Tempel zerstört wurde, wurden wir in alle Welt hinaus vertrieben. Neben unserer Heimat verloren wir auch unsere kollektive Identität. Die Diaspora gipfelte in der Shoa, der Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung durch die Nazischergen und ihre Kollaborateure weltweit. Mehr als sechs Millionen Juden verloren ihr Leben in dieser dunkelsten Zeit der europäischen Geschichte. Unsere neue Heimat fanden wir, so schien es, mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Noch immer müssen wir dort um unsere Sicherheit kämpfen. Die uns umgebenden Völker bedrohen uns nach wie vor, sie wollen unsere Existenz zerstören und uns vertreiben.
Wir haben gelernt, was ständige Bedrohungen und Qual mit Menschen machen. Wir haben auch gelernt, dass Morden aus Hass nie eine Lösung von Problemen ist. Dass wir andere Lösungen finden müssen.
Wir befinden uns nicht mehr in der oft lebensbedrohenden Wüste.
Nehmen wir uns Zeit, bevor wir andere Heiligtümer, Statuen und Altäre, sei es im Wortsinn oder symbolisch angreifen und zerstören. «Juden wie Muslims müssen lernen, dass Kompromisse keine Zeichen von Schwäche sind».
Shabbat Shalom!
Kategorien:Israel
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